Joseph Haydn

Concerto no 1 en do majeur Hob. VIIb. 1/Concerto no 2 en ré majeur Hob. VIIb. 2

Raphaël Pidoux (Violoncello und Ltg.), Jeune Orchestre de l’Abbaye aux Dames de Saintes

Rubrik: CDs
Verlag/Label: NoMadMusic
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 71

Seien wir gerecht: Zwar erscheint angesichts zahlre­ich­er Konkur­ren­za­uf­nah­men eine Neupro­duk­tion der Haydn’schen Cel­lokonz­erte unter Reper­toire­gesicht­spunk­ten nicht sehr orig­inell. Allerd­ings ist das Cel­loreper­toire wirk­lich begren­zt. Oder doch zumin­d­est jen­er Teil des Reper­toires, der sich aus den Usan­cen des gängi­gen Konz­ert­be­triebs ergibt. Dessen Fun­dus begin­nt nun ein­mal nach wie vor mit der Musik der Wiener Klas­sik, und lei­der haben wed­er Mozart noch Beethoven dem Cel­lo ein Solokonz­ert zuge­traut. Haydn hinge­gen schrieb mut­maßlich acht oder neun Cel­lokonz­erte, von denen zwei über­liefert sind und als authen­tisch gel­ten dür­fen. Insofern – und erst recht auf­grund ihrer musikalis­chen und cel­lis­tis­chen Reize – nehmen die bei­den Werke eine sin­guläre Stel­lung ein. Bei aller Bewun­derung für die Cel­lokonz­erte Boc­cheri­nis, Carl Philipp Emanuel Bachs und andere Preziosen des 18. Jahrhun­derts: Ohne Haydn geht’s nicht!
Zumal nicht für einen Solis­ten wie Raphaël Pidoux: Der 1967 geborene franzö­sis­che Musik­er wird nicht allein als Cel­list des Trio Wan­derer und Solist roman­tis­ch­er und mod­ern­er Cel­lokonz­erte, son­dern auch als kom­pe­ten­ter Inter­pret der Musik des 18. Jahrhun­derts auf his­torischem Instru­men­tar­i­um gerühmt. Auf seinem mit Darm­sait­en bespan­nten Roc­ca-Cel­lo von 1680 spielt Pidoux die bekan­nten Werke mit solch­er Lebendigkeit, dass uns von den ersten Tönen an viel „Uner­hörtes“ – wiewohl keineswegs „gewalt­sam Neues“ – begeg­net. Alles atmet, alles klingt frei, und dass ihm neben einem gesan­glichen Ton und dem Sen­sus für sprechende Phrasierung auch eine phänom­e­nale Tech­nik zur Ver­fü­gung ste­ht, sei fast schon am Rande ver­merkt.
Gemein­sam mit Pidoux – und von ihm geleit­et – musiziert das Jeune Orchestre de l’Abbaye aux Dames de Saintes. Diese Insti­tu­tion wurde 1996 anlässlich des inter­na­tionalen Fes­ti­vals im west­franzö­sis­chen Saintes ins Leben gerufen und bietet Stu­di­en­ab­sol­ven­ten die Möglichkeit, ein Jahr lang unter pro­fes­sionellen Bedin­gun­gen in einem Orch­ester mit his­torischen Instru­menten zu spie­len.
Das Ergeb­nis kann sich wahrlich hören lassen: Far­bige Bläser­stim­men, bril­lante Geigen und eine warmer Unter­grund fügen sich zu einem frischen, nachger­ade „knack­i­gen“ Orch­esterk­lang, der pure Hör­freude bere­it­et. Im (vork­las­sis­chen!) C-Dur-Konz­ert mögen gele­gentlich die osti­nat­en Begleitach­tel ein biss­chen zu wichtig ger­at­en sein, doch erhält alles dadurch einen her­rlich unsen­ti­men­tal­en Dri­ve. Den hyper­tro­phen Drehzahler­höhun­gen, denen wir häu­fig im Finale dieses Konz­erts bei­wohnen müssen, fol­gen die Inter­pre­ten dieser Auf­nahme glück­licher­weise nicht. Sehr schlüs­sig wird auch der beträchtliche stilis­tis­che Schritt zum über zwanzig Jahre später ent­stande­nen D-Dur-Konz­ert her­aus­gear­beit­et: Hier herrscht von Anfang bis Ende rein­stes Wiener Cantabile.
„Hap­py new ears“ wün­schte uns einst John Cage. Hier sind wir ein­ge­laden, Haydn mit neuen Ohren zu hören! Keine Spur von „Schon wieder …“!
Ger­hard Anders