Elgar, Edward / Elliott Carter / Max Bruch

Concerto for cello and orchestra in E minor op. 85 / Cello Concerto / Kol Nidrei op. 47

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Decca 478 2735 DH
erschienen in: das Orchester 05/2013 , Seite 77

Jacque­line du Pré sei die Heldin ihrer Kind­heit gewe­sen, nach­dem sie diese mit Elgars Con­cer­to gehört hat­te, so beken­nt die amerikanis­che Cel­listin Alisa Weil­er­stein. Als Weil­er­stein mit zwölf Jahren begann, das Cel­lo ern­sthaft zu studieren, musste sie sich erst aus du Prés Bann lösen. Schon als Dreizehn­jährige trat sie1995 mit dem Cleve­land Orches­tra auf, dem ihr Vater – Grün­der des Cleve­land Quar­tet – als Konz­ert­meis­ter ange­hörte.
Den entschei­den­den Kar­riere-Kick ver­dankt Weil­er­stein Daniel Baren­boim, der sie 2009 in sein Stu­dio in der Carnegie Hall bat, damit sie ihm das Elgar-Konz­ert vor­spielt. Woraufhin der Mae­stro am Klavier sogle­ich anf­ing, den elegis­chen Kopf­satz mit ihr durchzuar­beit­en – immer den tönen­den Organ­is­mus, den fließen­den Zusam­men­hang, den the­ma­tis­chen Beziehungsza­uber der Musik im Sinn. Am Ende lud er sie nach Berlin ein.
Was die gemein­samen Proben mit der Staatskapelle erbracht­en, ist nun – nach drei Auf­führung­ster­mi­nen in der Berlin­er Phil­har­monie – qua­si live auf CD nachzuhören: ein sub­limes Hör­erleb­nis, zugle­ich erhebend und bewe­gend, in den Ada­gio-Momenten nachger­ade zum Niederknien. Als dächt­en Solistin, Diri­gent und Orch­ester­musik­er in stiller Liebe an die tragisch früh ver­stor­bene Jacque­line du Pré (die ja Baren­boims Frau war). Wom­it sie zugle­ich den englis­chen Kom­pon­is­ten adeln, der mit diesem Werk unmit­tel­bar nach dem Ersten Weltkrieg seinen Schaf­fens­gipfel erre­ichte: fes­sel­nd von den ver­hangenen nobil­mente-Akko­r­den des Beginns bis zum „Fal­staffi­an last move­ment“ (Diana McVeagh).
Ist schon Elgars Konz­ert dazu ange­tan, die Sait­en- und Bogenkün­ste des Solis­ten zu stra­pazieren, so reizte es den greisen, doch mit­nicht­en ver­greis­ten Elliott Carter 2001, das neue Jahrtausend mit ein­er Folge höchst orig­ineller Charak­ter­stücke zu begrüßen, deren hitzige Dop­pel- und Tripel­griffe, Spic­cati, Sautil­lés oder Ric­o­chets die vir­tu­ose Höhen­luft stel­len­weise dünn wer­den lassen. Da Alisa Weil­er­stein das Glück hat­te, dessen Cel­lo Con­cer­to noch mit dem 104-jähri­gen Mae­stro selb­st durchzuge­hen, lag nichts näher, als bei­de Konz­erte für ihr CD-Porträt zu kop­peln. Die Solistin nen­nt Carters Stück ein „äußerst kom­pak­tes Werk mit vie­len ver­schieden Eige­narten“. Und weit­er: „An der Ober­fläche mag es intellek­tuell erscheinen, doch wenn man dahin­ter schaut, ist es äußerst drama­tisch, rhyth­misch kom­plex mit vie­len Tem­powech­seln.“
Das Orch­ester hält sich meist im Hin­ter­grund, um das Charakterspekt­rum des Soloin­stru­ments möglichst kon­turk­lar, geistre­ich und gewitzt her­auszukehren – mal schwärmerisch, mal gauk­lerisch, mal kantig, mal ver­huscht. Bedenkt man, dass Carter damals 93 Jahre alt war, kommt man aus dem Staunen nicht her­aus. Ger­adezu ver­wun­schen der vor­let­zte Tran­quil­lo-Teil: ein seliger Cel­loge­sang über den Wassern, aus denen selt­sam sub­ma­rine Klänge von Kon­tra­bass und Klar­inette her­auftö­nen, während ab und zu eine Per­le in die Idylle tropft – trügerische Ruhe vor der Tur­bu­lenz des finalen Alle­gro fan­tas­ti­co, das mit ein­er Pizzika­to-Kaskade der Solistin abbricht. Ein würdi­ger Nachruf der Solistin, der Staatskapelle Berlin und ihres GMD auf den im Dezem­ber 2012 ver­stor­be­nen Kom­pon­is­ten.
Lutz Lesle