Alexander Goehr

Concerto

for violin and orchestra op. 13, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 1967
erschienen in: das Orchester 03/2015 , Seite 74

Zu den Kom­pon­is­ten, die nach dem Zweit­en Weltkrieg einen mod­er­nen Stil jen­seits der exper­i­mentellen Avant­garde kreierten, gehört Alexan­der Goehr (*1932). Der Sohn des Diri­gen­ten Wal­ter Goehr, der mit sein­er Fam­i­lie 1933 aus Berlin nach Eng­land emi­gri­erte, erhielt seine Grun­daus­bil­dung am Roy­al Man­ches­ter Col­lege of Music, wo er mit Kol­le­gen wie Har­ri­son Birtwistle oder Peter Maxwell Davies die „New Music Man­ches­ter Group“ grün­dete. Entschei­dende Impulse empf­ing er freilich in den 1950er Jahren von Olivi­er Mes­si­aen in Paris. Als Kom­po­si­tion­spro­fes­sor ist Goehr in Großbri­tan­nien und den USA mit­tler­weile eine Koryphäe.
Anlässlich seines 80. Geburt­stags 2012 lobte der seine Werke her­aus­gebende Schott-Ver­lag seine „sub­stanziellen Beiträge zum Reper­toire für Orch­ester und Kam­merensem­bles“. Dazu gehört etwa das Orch­ester­stück When Adam Fell, das im Jan­u­ar 2012 vom BBC Sym­pho­ny Orches­tra und dem Nash Ensem­ble vom Wid­mungsträger Oliv­er Knussen aus der Taufe gehoben wurde. Die BBC Proms feierten den run­den Geburt­stag außer­dem mit zwei Konz­erten, bei denen u.a. die Bach-Hom­mage …a musi­cal offer­ing (J.S.B. 1985)… erk­lang. Auch Goehrs 2010 am Roy­al Opera House Lon­don uraufge­führte König-Lear-Oper Promised End gilt als markantes Werk der zeit­genös­sis­chen Musik.
Sein bei Schott nun in der Rei­he „Musik unser­er Zeit“ wieder aufgelegtes Vio­linkonz­ert op. 13 ent­stand bere­its Anfang der frucht­baren 1960er Jahre im Auf­trag des britisch-armenis­chen Geiger Manoug Parikian (1920–1987). Dieser führte es am 2. Juli 1962 auf dem Chel­tenham Fes­ti­val erst­mals auf; das Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra spielte unter dem ungarischen Diri­gen­ten Antal Doráti. Parikian hat das Konz­ert außer­dem für EMI einge­spielt, zulet­zt erschienen 2004 inner­halb der Rei­he „British Composers“.
Das 25-minütige Werk ist mit zwei Flöten (mit Pic­co­lo), zwei Oboen (mit Englis­chhorn), zwei Klar­inet­ten (mit Bassklar­inette), zwei Fagot­ten, Kon­trafagott, vier Hörn­ern, zwei Trompe­ten, zwei Posaunen (Tenor und Bass) sowie Pauken, Perkus­sion (drei Spiel­er) und Stre­ich­ern rel­a­tiv groß beset­zt. Das Konz­ert beste­ht aus zwei Sätzen, wovon der zweite mit 387 Tak­ten Umfang samt Solo-Kadenz am Schluss der deut­lich gewichtigere ist. Goehr gelingt es, Tra­di­tion und Inno­va­tion intel­li­gent zu vereinen.
Er spielt mit der Expres­sion, der Lyrik und (explodieren­den) Dra­matik berühmter roman­tis­ch­er Vio­linkonz­erte, bleibt in sein­er Ton­sprache jedoch aton­al, ohne je einen allzu kopflasti­gen Seri­al­is­mus zu bemühen.
Der Vio­lin­part wird wirkungsvoll in und vor das Orch­ester gestellt, anspruchsvoll sind Grifftech­nik, Spielarten und Rhyth­mik. Solist und Orch­ester wer­den per­ma­nent gefordert, da Goehr Wert auf eine lebendi­ge Inter­ak­tion legt. Außer­halb der Spezialver­anstal­tun­gen für Neue Musik find­et solch ein hochkarätiges Werk bis heute lei­der kaum Platz in tra­di­tionellen Konz­ertrei­hen. Vielle­icht weckt diese Stu­di­en­par­ti­tur neues Interesse.
Matthias Corvin