Hans Gál

Concertino for Cello & Strings/Solo Cello Sonata/ Solo Cello Suite

Matthew Sharp (Violoncello), English Symphony Orchestra, Ltg. Kenneth Woods

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Avie AV2380
erschienen in: das Orchester 09/2018 , Seite 78

Hans Gál war ein Jahrhun­dertkom­pon­ist. Und ohne ihm zu nahe treten zu wollen, muss gle­ich ange­merkt wer­den, dass sich hin­ter dieser Formel weniger eine Bew­er­tung seines Schaf­fens als vielmehr ein Blick auf sein schöpferisches Leben ver­birgt: Gál starb 1987 siebe­nund­ne­un­zigjährig, das 20. Jahrhun­dert und seine Vita sind fast deck­ungs­gle­ich.
Erstaunlicher­weise haben die Umbrüche des Saecu­lums, seine stilis­tis­chen Evo­lu­tio­nen nur geringe Spuren in sein­er Musik hin­ter­lassen. Gál kul­tivierte bis in seine späten Jahre eine Schreibart, die auf der deutsch-öster­re­ichis­chen Spätro­man­tik basiert. Rhyth­mis­che und har­monis­che Schär­fun­gen à la Schön­berg oder Straw­in­sky suchen wir nahezu vergebens, und auch in for­maler Hin­sicht ver­trat Gál eine kon­ser­v­a­tive Hal­tung: Er ori­en­tierte sich an den gängi­gen Gen­res und Gat­tun­gen, zur Freude ins­beson­dere der Kam­mer­musik­er, die in Gáls Œuvre gut spiel­bare, pro­fund geset­zte Werke für fast alle Beset­zun­gen find­en.
Gál studierte in Wien und wirk­te später dort als The­o­rielehrer sowie ab 1929 als Kon­ser­va­to­ri­um­sleit­er in Mainz. Seit 1938 lebte er in Eng­land. 1945 erhielt er eine Stelle als Lehrer für The­o­rie und Kom­po­si­tion an der Uni­ver­sität Edin­burgh und ent­fal­tete dort eine rege Tätigkeit als Pianist, Diri­gent und – so be­richtet eine Quelle – Per­sön­lichkeit mit anre­gend schar­fen Ansicht­en.
Das 2002 gegrün­dete, inno­v­a­tive britis­che Label Avie Records hat bere­its mehrfach Werke Gáls pro­duziert. Die vor­liegende CD enthält drei Cel­lo-Kom­po­si­tio­nen: das 1965 ent­standene Con­certi­no sowie zwei Solow­erke, die Gál als 92-Jähriger schrieb. Solis­tis­ch­er Pro­tag­o­nist der Auf­nahme ist Matthew Sharp, ein dur­chaus viel­seit­iger Kün­stler, der neben sein­er Instru­mentalka­r­riere auch als Sänger und Schaus­piel­er Erfolge feiert.
Bei allem Respekt vor Sharps Ein­satz für die sel­ten gespiel­ten Werke: Sein stilis­tis­ch­er Ansatz ver­mag nicht durch­weg zu überzeu­gen. Häu­fig ist sein Spiel von einem allzu kraft­be­ton­ten „Breitband“-Klangideal geprägt. Er kul­tiviert einen Riesen-Ton, sein Vibra­to mutet elek­trisch aufge­laden an, seine Lagen­wech­sel-Ästhetik gemah­nt bisweilen an die kon­fuzian­is­che Weisheit „Der Weg ist das Ziel“. Dies ist um so bedauer­lich­er, als Gáls Musik in ihrer erzäh­lerischen Entspan­ntheit, ihrer Trans­parenz, ihrem häu­fig tänz­erischen Ges­tus ein­er solchen Spiel­weise eigentlich ent­ge­gen­ste­ht. Im Con­certi­no begleit­et das Eng­lish Sym­pho­ny Orches­tra unter Ken­neth Woods mit unaufgeregtem Wohlk­lang und spielerisch­er Raf­fi­nesse.
Alle drei Werke bieten dem Soloin­stru­ment reiche Ent­fal­tungsmöglichkeit­en. Und wie bei einem Kom­pon­is­ten dieses Zuschnitts kaum anders zu erwarten, ist es vor allem die kantable Seite des Cel­los, die hier zur Gel­tung kommt, wobei der Ges­tus der Suite op. 109b deut­lich an barocke Vor­bilder anknüpft und somit reizvoll zum Schwest­er­w­erk, der Sonate op. 109a, kon­trastiert.
Trotz inter­pre­ta­torisch­er Vor­be­halte: Die Begeg­nung mit Hans Gál lohnt!
Ger­hard Anders