Lalo, Édouard

Concertante Works for Violin, Cello & Piano

Soloists of the Queen Elisabeth Music Chapel, Liège Royal Philharmonic, Ltg. Jean-Jacques Kantorow

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Alpha Classics 233
erschienen in: das Orchester 10/2016 , Seite 66

Dass es Édouard Lalo zu Lebzeit­en schw­er hat­te in sein­er Heimat Frankre­ich, die gebührende Anerken­nung zu erfahren, mag daran gele­gen haben, dass seine Musik den Land­sleuten als zu „deutsch“ erschien. Auch Lalos Erfol­gsstück, die Sym­phonie espag­nole op. 21, begin­nt mit insistierend drama­tis­ch­er Geste wie eine Beethoven-Rem­i­niszenz, geht dann aber ganz andere Wege. Die stilis­tis­che Vielfalt von Lalos Musik ist bemerkenswert, ihre klan­glichen Finessen bere­it­eten den Nährbo­den für Debussy (der Lalos Bal­lett Namouna bewun­derte).
Lalo ver­band vir­tu­ose Bravour und melodis­che Erfind­ungs­gabe mit sym­phonis­chem Anspruch auch und vor allem in seinen Konz­erten, die hier erst­mals in Gesamtein­spielung vor­liegen. Die strotzt vor rhyth­mis­ch­er Vital­ität und Klangschärfe, was ein blendend aufgelegtes Orch­ester aus Liège bet­rifft. Auch an emo­tionaler Unmit­tel­barkeit wirkungsvoller Solokan­tile­nen herrscht kein Man­gel.
Was für Brahms Joseph Joachim gewe­sen ist, war für Lalo der spanis­che Geigen­vir­tu­ose Pablo de Sarasate. Fast alle der zahlre­ichen Vio­linkonz­erte sind ihm gewid­met und beziehen mit unter­schiedlich­stem Anspruch divers­es Nation­alkolorit ein: Die Fan­taisie norvégi­en­ne zeigt nicht nur Ein­flüsse nor­wegis­ch­er Volksmusik, son­dern ist unmit­tel­bar auf Edward Grieg bezo­gen, Gui­tare für Vio­line und Orch­ester op. 28 richtet spanis­che Rhyth­men und Fla­men­co-Valeurs auf unter­halt­same Weise an. Aber auch Lalos „Hauptwerke“ schwanken ambiva­lent zwis­chen dem Willen zur Tiefe und vorder­gründi­ger Bril­lanz, was selb­st die Sym­phonie espag­nole für Vio­line und Orch­ester gele­gentlich etwas holzschnit­tar­tig erscheinen lassen kann. Zige­uner­isch gefärbtes Melos im Kopf­satz, heit­ere Tanzsätze, wie für den Ball­saal geschaf­fen, ver­spielte Volk­stüm­lichkeit im Ron­do und ein wun­der­hüb­sches Andante, das grabess­chw­er begin­nt, als befän­den wir uns plöt­zlich im Par­si­fal – all das lei­den­schaftlich vorge­führt von Loren­zo Gat­to.
Beson­ders ein­drucksvoll kommt das von Eli­na Buk­sha mit großem Ton zele­bri­erte Con­cer­to Russe daher: eine vier­sätzige Apoth­e­ose der Elegie, die mit bedeu­tungss­chwan­geren Bläser­chorälen begin­nt und deren rück­halt­los­es Schwel­gen im „Gesang“ manch­mal am Rande des Kitsches stat­tfind­et, im feier­lichen Schlusssatz mit ganz bre­it­em Pin­sel. Lei­den­schaftliche Expres­siv­ität beherrscht auch das Cel­lokonz­ert d-Moll, dessen Melan­cholie nicht nur die langsamen Ein­leitun­gen trans­portiert; Ori Epstein lässt das pop­uläre Werk mit glühen­dem Vibra­to auf­blühen. Ein wenig über­stra­paziert zeigt sich das Pathos im Klavierkonz­ert f-Moll (Nathanael Gouin), nicht nur im schmis­si­gen Finale naturgemäß mit voll­grif­figer Akko­rdik und vir­tu­osem Pas­sagen­werk.
Dirk Wieschollek