Nikolai Medtner

Complete Works for Violin and Piano

Nikita Boriso-Glebsky (Violine), Ekaterina Derzhavina (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil/Edition Günter Hänssler
erschienen in: das Orchester 11/2018 , Seite 76

Dank ein­er ganzen Rei­he guter Auf­nah­men hat sich während der zurück­liegen­den Jahre das Bewusst­sein für die Qual­ität der Kom­po­si­tio­nen Niko­lai Medt­ners in pos­i­tivem Sinn entwick­elt. Die vor­liegende Pro­duk­tion eröffnet nun – nach den Ein­spielun­gen von Alexan­der Labko und Evge­ny Svet­lanov (1993) oder Lau­rence Kay­aleh und Paul Stew­art (2007/08) – eine aus­geze­ich­nete Möglichkeit, Medt­ners orig­inellen Umgang mit den Geset­zmäßigkeit­en der Sonaten­form an den drei anspruchsvollen Sonat­en für Vio­line und Klavier zu beobacht­en.
Der inter­pre­ta­torische Zugang von Niki­ta Boriso-Gleb­sky und Eka­te­ri­na Derzhav­ina erweist sich hier­bei als wahre „Ohren­wei­de“: Bere­its die 1909/10 ent­standene, dreisätzige h-Moll-Sonate op. 21 zeugt von einem sen­si­blen und klang­far­ben­re­ichen Zugang, dessen Detail­re­ich­tum auf die Möglichkeit­en der Feingestal­tung aus­gerichtet ist. Nicht nur der fein­füh­lige, melodis­ches Geschehen und Begleitkon­fig­u­ra­tio­nen wohl bal­ancierende Dia­log bei­der Part­ner, son­dern auch die sichere Into­na­tion des Geigers in den har­monisch so heiklen b-Moll- und H-Dur-Pas­sagen von Mit­tel­satz und Finale nehmen von Anfang an für diese Auf­nahme ein.
Faszinierend ist aber auch die Annäherung an die weitaus mon­u­men­taler angelegten Sonat­en G-Dur op. 44 (1922–1925) und e-Moll op. 57 (1935–1938): Mit seinem Pen­deln zwis­chen aus­ge­wo­gen­em Maestoso-Charak­ter und „qua­si cadenza“-Passagen zeugt der Beginn von op. 44 von aus­ge­feil­tem Agogik-Spiel, das in den kaden­zar­ti­gen Ein­leitun­gen der übri­gen bei­den Sätze erneut aufge­grif­f­en wird und auch an anderen Stellen – so in den schön geformten Cantabile-Pas­sagen des Kopf­satzes oder im Vari­a­tion­ssatz – immer wieder die Musik bes­timmt.
Noch facetten­re­ich­er führen die Musik­er in die e-Moll-Sonate ein: Die Intro­duzione erweist sich als fein geze­ich­neter Ruhep­unkt, dessen fahler Beginn zunächst zu vielfach abgestuften Vibra­tonu­an­cen hin geöffnet wird, bevor er in das pointiert anges­timmte Alle­gro-The­ma mün­det. Dass dieses von Medt­ner als „Sonata epi­ca“ beze­ich­nete Werk trotz sein­er Dimen­sio­nen nie erdrück­end wirkt, hängt mit dem über­ra­gen­den Ver­mö­gen des Duos zusam­men, die Höhep­unk­te der einzel­nen Sätze nicht durch aufge­set­ztes Pathos zu unter­stre­ichen, son­dern – das zurück­hal­tende Espres­si­vo in den Andante-Kan­tile­nen des drit­ten Satzes ist das beste Beispiel hier­für – durch Ein­satz fein­er Tem­ponu­an­cen und über­legter Bin­nengestal­tung.
Die außergewöhn­lich schlüs­sige Ein­spielung der Sonat­en wird zudem durch die Wieder­gabe der klein­er dimen­sion­ierten zyk­lis­chen Werke – der Drei Nacht­gesänge op. 16 (1907/08) und der Can­zo­nen und Tänze op. 43 (1925) – aufgew­ertet. Auch hier überzeu­gen Boriso-Gleb­sky und Derzhav­ina durch max­i­male Dif­feren­zierung der klan­glichen Seite bei gle­ichzeit­igem Abwech­slungsre­ich­tum im Aus­druck, was ins­beson­dere den bei­den Kon­trast­paaren von Can­zo­nen und Tänzen zugute kommt.
Ste­fan Drees