Dmitri Shostakovich

Complete Symphonies

Natalia Muradymova (Sopran), Pyotr Migunov (Bass), The Grand Choir „Masters of Choral Singing“ of the Russian State Music Television and Radio Centre, The Tartarstan National Symphony Orchestra, Ltg. Alexander Sladkovsky, 13 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Melodia MEL CD 10 02470
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 73

Ein Schostakow­itsch-Fest auf 13 CDs! Ein Fest auch deshalb, weil sich seit den älteren Gesamtein­spielun­gen aus den Jahren 1962 bis 1973, die ver­schiedene Orch­ester wie das Moskauer Phil­har­monis­che Orch­ester oder die Leningrad­er Phil­har­moniker unter Kir­ill Kon­draschin, Jew­geni Mraw­in­s­ki und Co ein­schließen, ins­beson­dere in der dif­feren­zierten Wieder­ga­betech­nik sehr viel getan hat und jet­zt das Orch­ester unmit­tel­bar­er und sehr plas­tisch am Hör­er zu sein scheint. Dank dieser rück­en hier die Bläs­er glück­licher­weise neben her­vor­ra­gend agieren­den Stre­ich­ern bestens in den Vorder­grund.
Ohne undankbar zu sein ob der vie­len Stun­den, die ich mit den 13 al­ten Melo­dia-Schallplat­ten ver­bracht und mein per­sön­lich­es Schostakow­itsch-Bild ent­wor­fen habe, ste­hen die vor­liegen­den Auf­nah­men den alten inter­pre­ta­torisch kaum in etwas nach. Das Tar­tarische Sym­phonieorch­ester hat sie 2016 unter der Leitung von Alexan­der Slad­kovs­­ky im Großen Konz­ert­saal von Kasan aufgenom­men. Man kann damit noch inten­siv­er die Entwick­lung Schostakow­itschs als Kom­pon­ist ver­fol­gen, indem man sich chro­nol­o­gisch nacheinan­der sämtliche 15 Sym­phonien anhört. Gut hör­bar sind dann auch seine unter­schiedlichen Reak­tio­nen auf die Zwänge des Sow­je­tregimes, denen er unter­lag – aus­ge­hend beispiel­sweise von sein­er jugendlich frechen 1. Sym­phonie in f-Moll op. 10, die noch frei ist von jed­we­den Aufla­gen und Fremd­bestimmungen. Anders die für heutige Ohren unan­genehm-ver­her­rlichende Zweite in H-Dur op. 14 (An den Okto­ber) und die Dritte in Es-Dur op. 20 (Der 1. Mai), die wohl kaum zu den all­ge­mein bevorzugten Werken gehören, weil sie mit Ham­mer und Sichel kom­poniert sind.
Das Orch­ester wird vom Großen Chor des Staatlichen Rus­sis­chen Fernseh- und Radio-Zen­trums unter­stützt. Auf­grund des langsameren Tem­pos wirkt alles ruhiger als bei den älteren Auf­nah­men. Aber dann die unter die Haut gehende, wider­ständi­ge, mit inner­er Protesthal­tung geschriebene Vierte oder die pop­ulär gewor­dene Fün­fte, die unter dem Druck des berühmten Praw­da-Artikels „Chaos statt Musik“ ent­stand und um Stal­in zu besän­fti­gen.
Alexan­der Slad­kovsky ori­en­tiert sich nicht in rein­er Nachah­mung an den genan­nten Vor­bildern, son­dern nimmt die Tem­pi ins­ge­samt langsamer, in bes­timmten Phasen aber auch rasch­er, wom­it er jew­eils eine stärkere Verdich­tung erre­icht: so beispiel­sweise im Kopf­satz der Siebten oder im zweit­en Satz der Elften in jen­em Moment, wo das Schloss­platz­mas­sak­er vom 9. Jan­u­ar 1905 einge­fan­gen ist. Die 13. Sym­phonie für Bass-Solo (mit Pyotr Migunov) und Män­ner­chor und die 14. op. 135 für Sopran (mit Natalia Murady­mo­va), Bass und Kam­merorch­ester sind gelassen­er und wirken dadurch verk­lärter und reflek­tiert­er, ohne aber die gewisse innere Bedrück­theit zu ver­lieren.
Wern­er Boden­dorff