Ludwig van Beethoven

Complete Symphonies

Staatskapelle Dresden, Ltg. Herbert Blomstedt

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics
erschienen in: das Orchester 11/2020 , Seite 67

Mit fein­er, nie „knal­lig“ wirk­ender Dynamik wird die Sin­fonie Nr. 3 in Es-Dur op. 55, Eroica, inter­pretiert. Die Auseinan­der­set­zun­gen drän­gen dabei zu ein­er ener­gis­chen Entschei­dung.
Ungewöhn­lich, eigen­willig und kämpferisch musiziert erscheint auf dieser CD-Box vor allem die Inter­pre­ta­tion der Sin­fonie Nr. 5 c‑Moll op. 67. Sym­bol­haft begin­nt das Werk düster und trotzig und endet hym­nisch-feurig in sieghaftem C‑Dur-Glanz. Die Gewalt eines Natur­ereigniss­es ist bei dieser Wieder­gabe sehr präsent und ein­dringlich. Und die Sin­n­fäl­ligkeit der einzel­nen The­men fällt stark ins Gewicht, wobei Her­bert Blom­st­edt die Ruba­to-Effek­te facetten­re­ich betont. Die schick­sal­hafte Wucht des Kopfthe­mas kommt so nie zu kurz. Plöt­zlich schwingt mit viel Energie die Fuga­to-Stim­mung mit, wobei Blom­st­edt die elek­trisierende Span­nung mit dem Orch­ester behut­sam auf­baut.
Bei der Sin­fonie Nr. 6 in F‑Dur op. 68, der Pas­torale, gelingt es Blom­st­edt mit großer Sen­si­bil­ität, das schlichte Eröff­nungs­the­ma mit ein­dringlich­er Durch­sichtigkeit zu beschwören. Seinen wahren Reich­tum offen­bart es durch immer wie-der neue har­monis­che Abwand­lun­gen, die sin­n­fäl­lig her­aus­gear­beit­et wer­den. Und auch hier fehlt nie der für Beethoven so wichtige Span­nungs­bo­gen.
Im Finale der Sin­fonie Nr. 7 in A‑Dur entlädt sich die Musik mit eksta­tisch-dion­y­sis­chem Taumel. Das Kopfthe­ma ent­fal­tet sich mit ent­fes­sel­ter Inten­sität, wobei es Blom­st­edt immer wieder gelingt, die ver­schiede­nen The­men­ströme zusam­men­zuhal­ten. Die kun­stre­ichen Finessen der Durch­führung wer­den sub­til aus­gekostet. Und die abschließende Coda enthüllt eine über­schäu­mende „Apoth­e­ose der Lebens­freude“. Erfrischend wirkt bei dieser gelun­genen Ein­spielung außer­dem die ver­schmitzte Heit­erkeit der Sin­fonie Nr. 8 in F‑Dur op. 93, die keineswegs über­hitzt erscheint.
Ein Höhep­unkt dieser Ein­spielung ist sicher­lich das grandios inter­pretierte Finale der Sin­fonie Nr. 9 in d‑Moll op. 125, wo die Staatskapelle Dres­den zusam­men mit dem Chor der Staat­sop­er Dres­den und dem Rund­funk­chor Leipzig sowie den Gesangssolis­ten Hele­na Doese (Sopran), Mar­ga Schiml (Alt), Peter Schreier (Tenor) und Theo Adam (Bass) ein­mal mehr bril­liert. Der gel­lende Aus­bruch des Beginns führt direkt zu den aufwüh­len­den Erin­nerun­gen der vor­ange­gan­genen Sätze. Drän­gen­der und lei­den­schaftlich­er kann man das kaum inter­pretieren. Oboe und Fagotte spie­len zart auf die Freuden­hymne an. Vor allem die Struk­tur der grandiosen Dop­pelfuge hat Her­bert Blom­st­edt überzeu­gend im Blick.
Der Inten­sität dieser 1975 bis 1980 im säch­sis­chen „Elb-Flo­renz“ ent­stande­nen Auf­nah­men kann man sich nicht entziehen, auch wenn die Struk­tur im Finale der zweit­en Sin­fonie noch pointiert­er sein kön­nte.
Alexan­der Walther