Beethoven, Ludwig van

Complete String Trios

Jacques Thibaud String Trio: Burkhard Maiß (Violine), Hannah Strijbos (Viola), Bogdan Jianu (Violoncello)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Audite 2.430
erschienen in: das Orchester 11/2015 , Seite 83

Rück­blick­end auf die klas­sis­che tradierte Kam­mer­musik und deren Entwick­lungss­chritte fällt das Stre­ichtrio noch heute aus dem Rah­men. Denn es hat nie die Vital­ität der Klanger­weiterung wie beim Quar­tett
erre­ichen kön­nen – klar: Es fehlt schließlich ein viertes Instru­ment, das schon ein orches­trales Pro­gramm zumin­d­est andeuten kön­nte. Die Roman­tik bevorzugte wiederum das solis­tis­che Vir­tu­osen­tum. Doch im Trio muss das Indi­vidu­um zurück­ste­hen gegenüber dem ein­heitlichen Ganzen. Sind dadurch Form und Aus­druck gegenüber einem plan­mäßi­gen Vier­er-Konzept gemäßigt, eingeschränkt oder gebremst?
Ein­er, der sich nicht um diese Prob­leme küm­merte (oder sich zu küm­mern schien?), war Lud­wig van Beethoven. Dessen Stre­ichtrios sind fast schon End­punk­te der Entwick­lung in dieser Beset­zung: großar­tig durch­pul­ste, har­monisch reiche und eben­so innige Poe­siebal­laden. Das Jacques Thibaud String Trio unter­stre­icht diesen hohen Anspruch der Musikgeschichte und ihrer Rezep­tion in der Auf­nahme von Beethovens Stre­ichtrio op. 3 Es-Dur sowie der drei Stücke von op. 9 (G-Dur, D-Dur und c-Moll). Dazu gesellt sich die Ser­e­nade D-Dur op. 8, eben­falls für das Trio geschrieben. Alle­samt frühe Kom­po­si­tio­nen, die vor 1800 ent­standen sind, in denen Beethoven jedoch seine kün­st­lerische, musikalis­che Qual­ität in jedem Satz bestätigt.
Man genießt diese Trio-Anla­gen als reich ent­fal­tete kam­mer­musikalis­che Kost­barkeit: leb­haft, ele­gant, kon­trast­far­big, aber eben auch unter­hal­tend und ohrwur­mverdächtig beim melodis­chen Poten­zial: Opus 3 ist sechssätzig, arios, con brio und in den Menuet­ten tänz­erisch und dynamisch; die Ser­e­nade op. 8 auch in sechs Sätzen aus­ge­bre­it­et, rhyth­misch ein­fall­sre­ich, sprechend, erzäh­lend, zwis­chen Anmut und polac­ca pen­del­nd; die Stre­ichtrios op. 9: drei jew­eils vier­sätzige Trios als gesan­glich-instru­men­tale Preziosen, chang­ierend im Auf­bau und so genial ver­ar­beit­et, wie man sich dieses Genre nur aus dem dama­li­gen Blick­winkel her­aus vorstellen kann.
Das Thibaud-Trio, das sich auf den franzö­sis­chen Geiger bezieht, hält sich an ein Zitat dieses Vor­bild-Musik­ers: „Für einen wahren Kün­stler gibt es nichts Reizvolleres als das Ensem­ble­spiel mit Kol­le­gen – dage­gen tritt das solis­tis­che Spiel in den Hin­ter­grund.“ Maiß, Stri­jbois und Jianu atmen auf der­sel­ben Wellen­länge, ver­ste­hen sich blind, kosten das Beethoven-Aben­teuer mit Tem­po und Seele aus, hören bei Haydn nach und denken an Brahms voraus. Der noble Ton ist für das Dreier-Team Gesetz. Das kommt den schein­bar schw­erelosen Beethoven-Werken in jedem Satz zugute.
Jörg Loskill