Giovanni Battista Viotti

Complete String Quartets

Viotti String Quartet

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Brilliant
erschienen in: das Orchester 12/2019 , Seite 70

Eine zauber­hafte Musik, die rel­a­tiv unbekan­nten Stre­ichquar­tette von Gio­van­ni Bat­tista Viot­ti, dessen Namen man hauptsächlich von seinen 29 Vio­linkonz­erten her ken­nt. Ver­gan­ge­nes Jahr spielte sie das Viot­ti String Quar­tet mit wech­sel­nden Geigern ein.
Indes führt die Beze­ich­nung „com­plete“ in die Irre. Vor­liegend sind lediglich die bei­den Opera 1 und 3 aus den 1780er Jahren mit den jew­eils sechs nur zwei- bis dreisätzigen Kom­po­si­tio­nen sowie die drei Quar­tet­ti con­cer­tante ohne Opuszahl, die rückläufig und jew­eils am Anfang der drei von den vier CDs erklin­gen. Zu Beginn der vierten CD ist das dreisätzige Quar­tet­to e-Moll zu hören: eine Bear­beitung des Vio­linkonz­erts Nr. 18 e-Moll aus dem Jahr 1791, welch­es Viot­ti etwa 1818 für Stre­ichquar­tett ein­richtete.
Laut der oft widersprüchlichen Werkverze­ich­nisse – eine Viot­ti-Forschung scheint hier noch in den Kinder­schuhen zu steck­en – fehlen dem­nach min­destens die drei Con­cer­tante Stre­ichquar­tette op. 22, die laut ital­ienisch-englis­chem Book­let auch als Flötenquartette existieren, sowie die mit dem Unter­ti­tel „Airs con­nus et variés“ op. 23 verse­henen sechs Stre­ichquar­tette, deren Zuschrei­bung zu Viot­ti indes unsich­er ist. Und nicht zulet­zt fehlen min­destens vier weit­ere Bear­beitun­gen ander­er Werke für zwei Vio­li­nen, Vio­la und Vio­lon­cel­lo, darunter die des Vio­linkonz­erts Nr. 18 g-Moll.
Dessen ungeachtet versprühen die einge­spiel­ten Werke eine typ­is­che ital­ienis­che Leichtigkeit, Frische und Unver­brauchtheit. Bere­its die jew­eili­gen viel­sagen­den Titel Con­cer­tante in Opus 3 und in den­jeni­gen ohne Opus- zahl zie­len auf mitreißen­den Schwung, Virtuosität und Lebendigkeit, also Eigen­schaften, die auch Viot­tis Vio­linkonz­erte im höchsten Maß besitzen.
Diese sind ins­beson­dere auf die Kopfsätze gemünzt, welche oft von größerer Aus­dehnung sind. Dafür sind die langsameren Sätze zum Teil wesentlich kürzer oder erst gar nicht vorhan­den wie in manchen, recht liebenswürdig und gefällig klin­gen­den, diver­ti­men­to­haften Quar­tet­ten op. 1 im Stile eines mit­tleren Mozarts. Darunter find­et sich auch ein Vari­a­tio­nen­satz, Sätze mit sehr starken Einflüssen Haydns, oft mit einem Oblig­at­en Accom­pa­g­ne­ment oder mit dial­o­gis­chen Pas­sagen verse­hen.
Die Quar­tette op. 3 unter­schei­den sich vom Charak­ter her kaum, wer­den mit fort­laufend­er Num­mer eher mozartis­ch­er mit zum Teil viel vorwärtsdrängendem Tem­pera­ment, was das Ensem­ble stets bestens mit Verve und großem Elan umset­zt: eine bere­ich­ernde Freude und vergnügliche Kurzweil, ihm zuzuhören. Störend wirkt vielle­icht einzig der überdimensionale und für die kleine Beset­zung unange­brachte Hall.
Ins­beson­dere wird – wie son­st auch für einen kom­ponieren­den Geiger – die konz­ertierende Primgeige zeitweise vir­tu­os gefordert, ger­ade im e-Moll-Werk als beset­zungsre­duziertes Vio­linkonz­ert. Die übrigen drei Werke ohne Opuszahl aus dem Jahr 1817 sind durchge­hend viersätzig und von größerem, etwa Beethoven’schem Aus­maß und wirken ins­ge­samt reifer, ohne aber ihre Leichtigkeit zu ver­leug­nen.
Wern­er Boden­dorff