Paul Hindemith

Complete Sonatas für Viola Solo

Luca Ranieri (Viola)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Brilliant Classics 95413
erschienen in: das Orchester 04/2019 , Seite 75

Hin­demiths Anweisung zum IV. Satz sein­er Solosonate für Vio­la op. 25 Nr. 1, „Rasendes Zeit­maß. Wild. Ton­schön­heit ist Neben­sache“, nimmt Luca Ranieri nicht für bare Münze. Wild spielt er schon, rasend schnell auch, aber diese Wild­heit wirkt doch gezähmt, und Klangschön­heit ist für ihn keines­falls neben­säch­lich.
Mag Hin­demith zu Lebzeit­en ein Bürg­er­schreck gewe­sen sein, der das Konz­ert­pub­likum mit Dis­so­nanzen, motorischem Spiel und sein­er Abkehr von der Roman­tik provozierte, Ranieri spielt seine Musik klangschön, natür­lich und mit ein­er melodis­chen Schön­heit, wie es nur einem in der Bel­can­to-Tra­di­tion aufgewach­se­nen Ital­iener gelin­gen kann. Dop­pel­grif­f­en und arpeg­gierten Akko­r­den nimmt er alle Härte, lässt sie weich an- und ausklin­gen. Er spielt die schnellen Pas­sagen vir­tu­os, doch lässt er immer der Musik Raum zum Atmen.
So gelingt ihm der zweite Satz „Mäßig schnell, mit viel Wärme vor­ge­tra­gen“ der 1919 kom­ponierten Sonate op. 11 Nr. 5 beson­ders ein­drucksvoll. Im Scher­zo dieser Sonate zeigt er, wie wirkungsvoll der Bratschen­spiel­er Hin­demith die charak­ter­is­tis­chen Klang­far­ben seines Instru­ments ein­set­zte: Ranieri arbeit­et das geistvolle Frage- und Antwort­spiel plas­tisch durch das Gegenüber von hoher und tiefer Lage her­aus. Nicht die Moder­nität betont also Ranieri in diesem Jugendw­erk Hin­demiths, vielmehr dessen herbe, oft schroffe, im langsamen Satz aber auch lyrische, nach innen gerichtete Schön­heit.
Hin­demith stellte das Handw­erk, das Für-sich-Erklin­gen der Musik dem roman­tis­chen Aus­drucksmu­sizieren ent­ge­gen. Ranieri nimmt dies ernst, aber nicht begren­zt auf den tech­nis­chen Aspekt des Spiels, son­dern vor allem auch auf die Ästhetik: Ihm sind Klangschön­heit, Fasslichkeit und eine genaue Artiku­la­tion wichtig, die stets den einzel­nen Ton in einen größeren Zusam­men­hang stellt.
Die Sonata 1937 erklingt, auf diese Weise vor­ge­tra­gen, als objek­tiv wirk­endes, absolutes Spiel, zeit­los wie Bachs Solosonat­en und -par­titen. Der Hör­er ver­gisst ob der Schön­heit dieses Spiels, dass dies mod­erne Musik mit Dis­so­nanzen und freier Tonal­ität ist, und spürt doch, dass diese Schön­heit stets gefährdet über einem Abgrund wan­delt, der sich damals in Form der nation­al­sozial­is­tis­chen Dik­tatur öffnete.
Luca Ranieri set­zt mit dieser Ein­spielung einen Maßstab. Sein Vio­laspiel ist befre­it von den Klis­chees, die mit dem Vio­lak­lang ver­bun­den wer­den, also der Begren­zung auf das elegis­che, melan­cholis­che Genre. Er zeigt, dass die Vio­la ein uni­ver­sales Instru­ment ist, das die ganze Band­bre­ite der Gefüh­le, von höch­ster Lebendigkeit bis hin zu größter Innigkeit, darstellen kann. Aber über die Bedeu­tung für die Entwick­lung des Vio­laspiels hin­aus löst diese Ein­spielung eben­so ein ästhetis­ches Ver­sprechen der Neuen Musik ein: dass Dis­so­nanzen auch „schön“, näm­lich eine klan­gliche Bere­icherung sein kön­nen. Trotz des etwas puris­tis­chen und nicht fehler­freien CD-Bei­heftes ver­di­ent diese Ein­spielung fünf Punk­te.
Franzpeter Mess­mer