Mieczysław Weinberg

Complete Sonatas für Solo Viola

Viacheslav Dinerchtein

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Solo Musica
erschienen in: das Orchester 12/2019 , Seite 72

1925 berichtete Wil­helm Tren­de­len­burg in seinen Natürlichen Grund­la­gen der Kun­st des Stre­ichin­stru­menten­spiels über den sein­erzeit renom­mierten Her­mann Rit­ter, er sei „der Ansicht, dass die gewöhnliche Bratsche […] viel zu klein [sei], um für ihre Ton­lage die richtige Res­o­nanz zu geben“. Da nicht davon auszuge­hen ist, dass Viach­eslav Din­er­chtein eine überdimensionierte Bratsche von – wie Rit­ter berech­net und gefordert hat – 53,5 cm Korpuslänge spielt, son­dern eine „nor­male“, ist auch die „richtige Res­o­nanz“ wohl auf sein bratscherisches Können zurückzuführen.
Dies zeigt sich tatsächlich in jedem Takt dieser Auf­nahme der vier Solosonat­en für Vio­la von Mieczysław Wein­berg. Der 1976 geborene schweiz­erisch-rus­sis­che Bratschist Viach­es­law Din­er­chtein, der in den 1990er Jahren nach Mexiko auswan­derte (dort ent­stand auch diese Ein­spielung), beherrscht sein Instru­ment und die Gestal­tung damit auf beein­druck­ende Weise. Tech­nisch qua­si unfehlbar, trifft er nicht nur into­na­torisch jeden Ton – was bei dem vir­tu­osen Anspruch der Werke nicht unbe­d­ingt eine Selbstverständlichkeit ist –, er trifft vor allem den Ton Wein­bergs, dieses polnisch-jüdischen Kom­pon­is­ten, der im Dezem­ber seinen 100. Geburt­stag feiern würde.
Din­er­chtein erzählt auf sein­er Bratsche Geschicht­en. Lange Geschicht­en. Beina­he sym­phonis­ches Aus­maß besitzen diese teil­weise fünfsätzigen Sonat­en mit jew­eils gut zwanzig Minuten Spielzeit und ein­er weit­en, mitunter For­men spren­gen­den Anlage. Diese Musik ist nicht beson­ders schme­ichel­haft, aber Din­er­chtein ent­lockt ihr das Inwendi­ge, Intime, Ele­gante. Den fast schrillen Anfang der drit­ten Sonate beispiel­sweise kon­trastiert er gelun­gen mit dem sonoren zweit­en, wobei seine Bratsche in hohen Lagen nicht wie eine Geige klingt und in tiefen nicht wie ein Cel­lo, son­dern eben immer wie eine Bratsche, und darin beste­ht doch die eigentliche Kun­st des Bratschen­spiels.
Din­er­chtein lädt zum Zuhören ein. Er sendet eine Botschaft. Er will dem Hörenden diese zunächst sper­rig anmu­ten­den Klänge nahe­brin­gen, diese teil­weise ferne Welt, eine Welt der Gegensätze, des Kum­mers, des Kampfes, der Auseinan­der­set­zung, der Freude, des Gewinns, des Ver­lusts. Eine Musik zwis­chen Schostakow­itsch und jüdischer Welt, zwis­chen Klas­sizis­mus und Neo­barock.
Eine Musik, die der Kom­pon­ist selb­st (er schrieb die Sonat­en zwis­chen 1971 und 1983, teil­weise im Alter­sheim) möglicherweise nur inner­lich gehört hat – über Uraufführungen zu seinen Lebzeit­en ist nichts bekan­nt. Noch dazu sind die CDs des Münchner Labels Solo Musi­ca inter­es­sant und das Book­let anschaulich gestal­tet mit Wein­bergs hand­schriftlichen Noten – was doch vielle­icht wieder ein­mal für die Bevorzu­gung von CDs anstelle von Stream­ing-Dien­sten spricht. Eine Mis­sion erfüllt Din­er­chtein hier. In genau richtiger Res­o­nanz.
Car­o­la Keßler