Krenek, Ernst

Complete Piano Concertos, Volume One/Two

Mikhail Korzhev/Eric Huebner (Klavier), Nurit Pacht (Violine), Adrian Partington (Orgel), English Symphony Orchestra, Ltg. Kenneth Woods

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Toccata Classics
erschienen in: das Orchester 11/2017 , Seite 65

91 Jahre alt ist Ernst Krenek gewor­den, fast 250 Werke hat er geschaf­fen, doch Gebrauchsmusik à la Hin­demith war wenig dabei: „Konz­erte, für die man Solis­ten braucht, sind deshalb unprak­tisch, weil sie nur dann in die Pro­gramme aufgenom­men wer­den kön­nen, wenn sie von Inter­pre­ten mit großen Namen unter­stützt wer­den, und solche Leute sind nicht daran inter­essiert, für Neue Musik ins Feld zu ziehen.“ Der Rang und der Ruf der Solis­ten, Diri­gen­ten und Orch­ester aber, die seine Klavierkonz­erte uraufge­führt haben, besagen eher das Gegen­teil: Scherchen, Wal­ter, Mitropou­los, das Con­cert­ge­bouw-Orch­ester und die New York­er Phil­har­moniker, Eduard Erd­mann und Krenek selb­st.
Und doch musste das 1. Klavierkonz­ert Fis-Dur fast 92 Jahre auf ei­ne Ein­spielung warten – sie fand erst in dieser Gesamte­di­tion der sieben Klavierkonz­erte Platz, die sog­ar vier Erst­aufnahmen zu bieten hat. Nun sind es Mikhail Korzhev, Ken­neth Woods und der Musik­wis­senschaftler Peter Tregear, deren Enthu­si­as­mus und Engage­ment Kreneks Musik gilt und die gemein­sam mit dem ful­mi­nan­ten Orch­ester und den anderen Solis­ten diese sen­sa­tionelle Kollek­tion kreieren – mit dem Willen, die Konz­erte ins Musik­leben zurück­zubrin­gen, die sie in ein­er Rei­he mit Bartók und Schön­berg, mit Straw­in­sky und Schostakow­itsch, mit Prokof­jew und Poulenc sehen, von denen Krenek nicht unbee­in­flusst war.
Denn Krenek, der Kom­pon­ist zwis­chen den Stilen, der alle Gat­tun­gen bedi­ente und sämtliche Tech­niken zwis­chen Gre­go­ri­anik und Elek­tron­ik beherrschte, war über­all dabei, doch nir­gend­wo daheim. Er blieb eher rand­ständig – trotz des Wel­ter­fol­gs sein­er Jazz-Oper Jon­ny spielt auf (1927), trotz seines Renom­mees im US-amerikanis­chen Exil oder sein­er Dozen­ten­tätigkeit bei den Darm­städter Ferienkursen.
Und so gehen auch die vier Solokonz­erte und die drei Dop­pelkonz­erte mit Orgel, Vio­line und Klavier eigene Wege und offen­baren viel­er­lei schöpferische Wech­sel­beziehun­gen. Die Indi­vid­u­al­ität eines jeden Konz­erts wird weniger durch The­men­charak­tere geprägt, son­dern mehr durch Kom­po­si­tion­s­mit­tel, Klang­far­ben und Satz­folge – als Sin­fonik, Vir­tu­osen­stück oder Diver­ti­men­to. Lyrische Ada­gio- und quirlige poly­fone Final­sätze bilden hinge­gen kon­stante Aus­drucks­größen. Und ins­ge­samt wölbt sich ein vari­anten­re­ich­er Bogen von der „empfind­samen Reise in eine längst vergessene Heimat“ des Wiener Schrek­er-Schülers Krenek und von seinem „kom­pro­miss­los-kun­stvollen Umgang“ mit der Dodeka­fonie über die bril­lante Schaustel­lung einzel­ner Orch­ester­grup­pen und das glänzende Wettspiel zweier Klaviere bis hin zur Rück­kehr des alten „Wiener Tons“: Rem­i­niszen­zen an Tanz- und Salon­musik, nos­tal­gis­che Anspielun­gen auf Schu­bert, Mahler und Berg. Angesichts dieser faszinieren­den kom­pos­i­torischen Gestal­tungskraft und Aus­drucksvielfalt und ein­er in jed­er Hin­sicht imponieren­den musikalis­chen Dar­bi­etung sollte Kreneks Werken jene Res­o­nanz und Renais­sance im Konz­ert­ge­brauch nicht ver­sagt bleiben, die ihr CD-Auftritt ver­spricht!
Eber­hard Kneipel