Antonio Vivaldi

Complete Concertos and Sinfonias for Strings and Basso Continuo

Ensemle L'Archicembalo

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Brillant Classics
erschienen in: das Orchester 10/2019 , Seite 62

Man lässt sich rasch in einen Rausch ver­set­zen, wenn man Vival­di hört oder spielt. Einen Rausch, der im Bere­ich der Musik vielle­icht mit den Min­i­mal­is­ten um Philip Glass ver­gle­ich­bar ist und ein­er Trance gle­ichkommt – die dann auch leicht kip­pen kann. Wir leg­en die mehr als vier Dutzend Con­cer­ti und Sin­fo­nias für Stre­ich­er und Bas­so Con­tin­uo auf, die das Ensem­ble L’Archicembalo nun kom­plett auf vier Scheiben ban­nte, und hören sie in einem Stück durch. Das soll­ten wir nicht tun. Wir vergessen während dieser viere­in­halb Stun­den, dass der Kom­pon­ist selb­st nie daran dachte, die über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren ent­stande­nen Werke als Zyk­lus aufzuführen, und sind nach anfänglichem Enthu­si­as­mus für die fed­ernde Musikalität im Extrem­fall irgend­wann gen­ervt vom schein­bar immer Gle­ichen. Man täte damit dem Ital­iener und seinen Musik­er-Nach­fol­gern großes Unrecht, und das merkt man sofort, wenn man sich dem Sog entzieht und die fast durch­weg dreisätzi­gen Stücke, die sel­ten mehr als ins­ge­samt fünf Minuten in Anspruch nehmen, einzeln hört; man also auf den Dauerkon­sum der Droge verzichtet und diese Musik wahrn­immt wie ein Glas Cham­pag­n­er: Spritzig, per­lend, kühl öffnet es die Sinne für die fan­tasievolle musikalis­che Intel­li­genz, die dahin­ter­ste­ht, die prachtvolle Klan­glichkeit, die rhyth­mis­chen Finessen der schnellen Rah­men­sätze und die schrä­gen dis­so­nan­ten Rei­bun­gen in manchen Ada­gios. Über fün­fzig Con­cer­ti und Sin­fo­nias für Stre­ich­er ohne Solis­ten sind von Vival­di über­liefert, die meis­ten ent­standen zwis­chen 1720 und 1741. Die (oft auto­grafen) Par­ti­turen liegen heute in Turin, ein Dutzend auch in Paris. Die Sin­fo-
nias stam­men aus dem Zusam­men­hang der Opern­pro­duk­tion und dien­ten als Ouvertüren oder Aktvor­spiele. Dass die Con­cer­ti bee­in­flusst sind von Corel­lis Con­cer­ti Grossi, aber auch selb­st Ein­fluss ausübten (etwa auf Hän­dels op. 6), ist unüber­hör­bar. Hört man die Stücke einzeln oder in kleinen Grup­pen, eröffnet sich ihr ganz­er Reich­tum augen­blick­lich. Das ital­ienis­che Ensem­ble L’Archicembalo spielt auf his­torischen Instru­menten nicht nur vir­tu­os, son­dern mit hoher klan­glich­er Dif­feren­zierung. Die bei­den dis­so­nan­ten Ada­gios im Madri­gale­sco-Con­cer­to oder das Largo aus dem g-Moll-Werk RV 155 (ein­er der weni­gen Sätze mit konz­ertieren­der Solovi­o­line) sind dafür aus­geze­ich­nete Beispiele. Sie verblüf­fen durch motivisch-varia­tiv­en Ein­fall­sre­ich­tum eben­so wie durch instru­men­tale Bril­lanz, sub­tile Into­na­tion oder manig­faltig einge­set­zte Bogen­tech­nik. Die Geiger Mar­cel­lo Bianchi, Bruno Raspi­ni, Giu­lia Sar­di, Pao­lo Nervi und Mar­co Pesce wech­seln sich als Konz­ert­meis­ter ab, und Daniela Demich­li am Cem­ba­lo und Mat­teo Cic­chit­ti (Vio­lone) sind ein per­fekt einge­spieltes, höchst fan­tasiere­ich­es Con­tin­uo-Team.
Matthias Roth