Schnyder, Daniel

Colossus of Sound

Violin Concerto/Symphony No. 4/Trumpet Concerto/African Fanfare

Rubrik: CDs
Verlag/Label: enja 9460 2
erschienen in: das Orchester 10/2004 , Seite 86

Wer bei dem großspuri­gen Titel dieser CD etwa an Edgard Varèse oder Glenn Bran­ca denkt, wird gle­ich bei den ersten Tönen eines Besseren belehrt. Die Musik des 1961 gebore­nen Amerikan­ers Daniel Schny­der, die momen­tan bei großen Orch­estern und Fes­ti­vals wie ein Geheimtipp herumgere­icht wird, ent­pup­pt sich als ein recht artiges Sam­mel­suri­um aus dem Schatzkästlein abendländis­ch­er Musik­tra­di­tion, gewürzt mit Ele­menten des Jazz und der lateinamerikanis­chen Folk­lore. Dabei erweist sich Schny­der, dessen Aus­bil­dung ihn zum Gren­zgänger zwis­chen Jazz und klas­sis­ch­er Musik prädes­tiniert, als Anhänger eines neoro­man­tisch gefärbten Klas­sizis­mus, der die altehrwürdi­ge Form des Solokonz­erts bere­itwillig repro­duziert, ohne doch wirk­lich neue Funken aus der Berührung der ver­schiede­nen musikalis­chen Idiome zu schlagen.
Die bei­den Solokonz­erte, die mit ihrer Dreisätzigkeit schon rein äußer­lich das Ver­har­ren in der Tra­di­tion zeigen, bleiben har­monisch meist noch hin­ter Debussy zurück und erin­nern in ihrer in den Eck­sätzen rast­losen Motorik an den Neok­las­sizis­mus der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts. Abge­grif­f­ene Klis­chees der Film­musik find­en dabei genau­so Ver­wen­dung wie domes­tizierte brasil­ian­is­che Rhyth­men, die sich vor allem in den Finali beifall­sheis­chend auf­drän­gen. Während das vor sich hin plätsch­ernde Vio­linkonz­ert, in dem der Solistin 
Kathrin Rabus kaum eine Ver­schnauf­pause vergön­nt ist, die Lust am Weit­er­hören nicht ger­ade fördert, gibt es im Trompe­tenkonz­ert wenig­stens einige Momente, die durch die stärkere Nähe zum Jazz ihren Reiz gewin­nen. Der Solist Rein­hold Friedrich, der einen guten Ruf als Inter­pret gewichtiger zeit­genös­sis­ch­er Werke genießt, beherrscht das Spek­trum zwis­chen „ver­schmutztem“ Jaz­zk­lang und weichem Bal­laden­ton souverän.
Der Ein­druck des Beliebig-Kon­ven­tionellen set­zt sich in der 4. Sin­fonie mit dem Unter­ti­tel „Colos­sus of Sound“ fort, einem ein­sätzi­gen, gut 15-minüti­gen Werk, das als ein Patch­work kon­trastieren­der Abschnitte erscheint, in dem einzelne Orch­ester­grup­pen häu­fig konz­er­tant her­vortreten. Der teil­weise mon­u­men­tal auftrumpfende orches­trale Ges­tus kann nicht über die Dürftigkeit der musikalis­chen Sub­stanz hin­wegtäuschen, die aus spätro­man­tis­chen Ver­satzstück­en, Folk­lore und Hol­ly­wood-Archaik zusam­men­buch­sta­biert ist. Insofern bildet die African Fan­fare, die als Ouvertüre für eine Suite des südafrikanis­chen Kom­pon­is­ten Abdul­lah Ibrahim ent­stand, den würdi­gen Abschluss dieser CD: Über­gossen mit der Soße des großen Orch­esters schmeck­en auch die exo­tis­chsten afrikanis­chen Zutat­en wie Fast­food von McDonalds.
Kein Zweifel, Schny­der wird sein Pub­likum find­en, und die NDR Radio­phil­har­monie mit ihrem Gast­diri­gen­ten Krist­jan Järvi leg­en sich mächtig ins Zeug als Anwälte ein­er Musik, die viele als „mod­ern, aber trotz­dem schön“ goutieren wer­den. Aber man denkt dabei an bessere Vor­bilder, an Namen wie Leonard Bern­stein und Astor Piaz­zol­la, und ist verstimmt.
 
Klaus Anger­mann