Michael Heinemann

Claudio Monteverdi: Die Entdeckung der Leidenschaft

Rubrik:
Verlag/Label: Schott, Mainz 2017
erschienen in: das Orchester 09/2017 , Seite 63

Die Musik selb­st tritt auf, heißt es schon im 1. Kapi­tel des Buch­es, eine Musik, die aus der Erfahrung von Liebe und Trauer ihre Macht gewin­nt und nicht aus Zahlen. Spätestens hier wird klar, welch ein­schnei­dende Zäsur mit dem Orfeo ver­bun­den wird, wo Musik durch Klang­ef­fek­te der „Unter­welt“ zu sich selb­st kommt, wo der orna­men­tale Gesang die Kün­ste des
tra­di­tionellen Ton­satzes bricht; am Anfang war die Sinnlichkeit, so ließe sich der Titel des Buch­es para­phrasieren. Satztech­nis­che Kun­st von Dis­so­nanz und Auflö­sung, gezeigt am 1. Madri­gal des IV. Buch­es Ah dolente par­ti­ta, wird dem expres­siv­en Prinzip unter­ge­ord­net; so wie auch die Musik der Sprache in ihrer Dik­tion wie ihrem Inhalt zu fol­gen hat­te. Aber wie hat die Musik damals tat­säch­lich gek­lun­gen und wie wurde sie darge­boten?
Im weit­eren Ver­lauf des Buchs inten­siviert der Autor die Frage nach den per­for­ma­tiv­en Aspek­ten der Par­ti­tur mit Aus­flü­gen in die damals neu entste­hen­den Vor­trags­beze­ich­nun­gen; Fra­gen der aktuellen Auf­führung­sprax­is bleiben hinge­gen unbe­sprochen. Stattdessen hält sich der Autor an die Par­ti­tur, die er sehr genau zu lesen ver­ste­ht, und untern­immt Sich­tun­gen vom Madri­gal über die Messe bis zur Oper, die er aus­führlich his­torisch kon­tex­tu­al­isiert. Am Beispiel der Mis­sa in illo tem­pore ent­deckt der Autor neue Klan­gräume mit genauem Zuschnitt auf Mon­teverdis zukün­fti­gen Arbeit­sort Venedig, wobei erstaunlich ist, wie eine rück­ständi­ge Har­monik in ein neues Mod­ell von Klan­gar­chitek­tur ein-
gewoben wird, die sich der Dik­tion der Textver­ständlichkeit unter der Bedin­gung des antipho­nen Auf­führungsraums der Mehrchörigkeit fügt. Das wird in umfassender Weise an der Marien­ves­per vorge­führt: Klan­graum, dra­matur­gis­che Abfolge der Stücke und Tex­taus­deu­tung, gepaart mit kom­pos­i­torisch­er Kom­pe­tenz, sind in den Dienst des Aus­drucks gestellt. Das Mit­denken des Raums, die Wirkung des Klangs als Darstel­lung von Affek­ten, etwa dem „genere conci­ta­to“ aus dem Com­bat­ti­men­to, liest der Autor aus der Par­ti­tur her­aus und stellt es als sinnliche Ereignisse dem reinen Ton­satz­denken gegenüber. Damit ist die Neuzeit ein­geläutet und mit ihr die Funk­tion der Musik als Darstel­lung von Affekt und Gefühl, die sie bis heute trägt. Das bestäti­gen auch die bei­den späten Opern. Ger­ade in L’incoronazione di Pop­pea erfol­gt der Nach­weis von klan­glich­er Sinnlichkeit, gar Erotik, die sich beson­ders im Schluss­duett ereigne.
Heine­manns Buch wartet mit zahllosen, äußerst lesenswerten ana­lytis­chen Beispie­len auf, die er mit dem emo­tion­al repräsen­ta­tiv­en Gehalt zu kop­peln ver­ste­ht – was let­ztlich die große Leis­tung Mon­teverdis war. Mit vie­len Abbil­dun­gen und zudem außergewöhn­lich gut geschrieben, ist das Buch sehr empfehlenswert. Eine stich­punk­tar­tige Biografie und eine knapp gehal­tene kom­men­tierte Bib­li­ografie beschließen es in ein­er sehr per­sön­lichen Art. Seinen hohen Anspruch, die musikalis­che Erfahrung als Aus­gangspunkt zu wählen, löst der
Autor ein. <
Stef­fen A. Schmidt