Edward Elgar, Vittorio Monti, Sergei Rachmaninow und anderen

Classic Selection No 1

Aghabekyan Quartet: Ani Aghabekyan (Violine), Daniel Bollinger (Klarinette), Victor Plumettaz (Violoncello), Pavel Klimashevsky (Bass)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Aghabekyan Artists/Pioneer Trading Company
erschienen in: das Orchester 07-08/2021 , Seite 76

Da geht einem Geiger doch das Herz auf! Welch her­rlich geigerisches Pro­gramm! Und welch ungewöhn­liche, span­nende Arrange­ments! Schade, denkt man sogle­ich, dass die CD nur knapp 40 Minuten Spielzeit hat – ein paar weit­ere wun­der­bare Stückchen wären noch drin gewesen.
Ursprünglich für die Geige geschriebene Stücke für andere Instru­mente zu adap­tieren, birgt aber doch die eine oder andere Gefahr, wie man bei der vor­liegen­den Ein­spielung rasch real­isieren muss. Eine fast auss­chließlich (spät-)romantische Werkauswahl, die viel Raum ließe für Vir­tu­osität, Glam­our, Herzblut, jedoch auch für Ele­ganz, Geschmack, Esprit. Es geht ja nun bei Bear­beitun­gen bekan­ntlich auch nicht immer nur um die Wieder­gabe im Geiste des Orig­i­nals. Zumin­d­est aber sollte doch etwas Neues und in sich Überzeu­gen­des geschaf­fen werden.
Das nach sein­er Vio­lin­istin benan­nte Aghabekyan Quar­tet tritt viel Melodis­ches von der Geige an die Klar­inette ab, Bass und Cel­lo spie­len mitunter uner­wartet eigen­ständi­ge Begleitun­gen, Durchgänge oder auch das eine oder andere The­ma­tis­che. Man muss sich beim Hören dieser CD wohl von der Vor­lage lösen – dann gewin­nt Vit­to­rio Mon­tis Czardas mit spielerischem Ernst, impro­visatorisch­er Ein­leitung und mitreißend-fet­zigem Mit­tel­teil. Auch der Elgar’sche Liebesgruß ist ganz nett, lyrisch, zärtlich schmach­t­end, sog­ar in der gezupften Wieder­hol­ung des Themas.
Zur Vergessen- und Vers­essen­heit in Obliv­ion von Astor Piaz­zol­la passt die suchende, dezent-geheimnisvolle Spiel­weise aller vier Inst-
rumen­tal­is­ten. Dur­chaus liebenswert wird das Lei­den an der Liebe von Fritz Kreisler hier fast ein wenig spitzbübisch aufgebrochen.
Der Tan­go Por una cabeza des bei einem Flugzeu­gab­sturz jung ge-
stor­be­nen Car­los Gardel begin­nt dur­chaus schön und in glaub­würdi­ger südamerikanis­ch­er Tanz-Manier.
In Jules Massenets Médi­ta­tion erlaubt sich das Ensem­ble eine gut gespielte, aber stilis­tisch unpassende Par­al­lelver­anstal­tung der Klar­inette neben der Geige. Der fün­fte Ungarische Tanz hat so gar nichts mehr von seinem Urhe­ber Brahms, nichts (Pseudo-)Ungarisches und birgt außer dem Intro nichts wirk­lich Ansprechen­des. Ein exper­i­menteller Aus­flug in die Neue Musik kommt über die ersten Schritte nicht hin­aus. Das Prélude aus Bachs so wun­der­bar­er, tief­gründi­ger (im Orig­i­nal für Geige solo geschrieben­er) Par­ti­ta in E‑Dur verkommt streck­en­weise zu einem gehudel­ten, schw­er­fäl­li­gen Slapstick.
Das in sich stim­mig­ste Arrange­ment ist vielle­icht Rach­mani­nows Vocalise. Mit einem wahrhaft stür­mis­chen, streck­en­weise aber eben doch stüm­per­haften Som­mer aus Vivald­is „Vier Jahreszeit­en“, der etwas unbe­holfen dem Herb­st ent­ge­gen­stolpert und dem man die eine oder andere into­na­torische Unge­nauigkeit verzei­hen muss, entlässt man uns ins Nach­denken über Orig­i­nal und Fälschung.
Car­o­la Keßler