Max Reger

Clarinet Quintet op. 146/String Sextet op. 118

Thorsten Johanns (Klarinette), Diogenes Quartett, Roland Glassl (Viola), Wen-Sinn Yang (Violoncello)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 555 340-2
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 76

Zwei unter­schiedliche Kam­mer­musik­w­erke aus dem oft nicht unmit­tel­bar zugänglichen Schaf­fen Max Regers hat das Dio­genes Quar­tett aus München mit Ste­fan Kir­pal und Gun­du­la Kir­pal (Vio­line), Alba González i Becer­ra (Vio­la) und Stephen Ris­tau (Vio­lon­cel­lo) für diese CD aus­gewählt und sich dabei mit Roland Glassl (Vio­la) und Wen-Sinn Yang (Vio­lon­cel­lo) zum Sex­tett erweit­ert bzw. mit Thorsten Johanns die Klar­inette als Klang­farbe hinzuge­won­nen.
Auch wenn die Ein­spielung das Klar­inet­ten­quin­tett an den Anfang stellt, wäre es zu empfehlen, zunächst das früher geschriebene Stre­ich­sex­tett op. 118 in F-Dur von 1910 zu hören um die Entwick­lung zu Regers let­ztem vol­len­de­tem Werk hin, dessen Urauf­führung er selb­st nicht mehr erleben kon­nte, nachvol­lziehen zu kön­nen.
Den Kopf­satz des Stre­ich­sex­tetts durchziehen schnelle Stim­mungswech­sel und eine große Lei­den­schaftlichkeit. Auch im zweit­en Satz Vivace drän­gen die Emo­tio­nen nach außen. während das aus­gedehnte Largo con gran espres­sione ein Satz von großer Intim­ität ist, den ein zeit­genös­sis­ch­er Kri­tik­er als „die Kro­ne des Werkes“ ansah. Mit einem sehr span­nungsvoll gestal­teten Alle­gro como­do geht das Sex­tett zu Ende, das von dem ver­stärk­ten Dio­genes Quar­tett mit schlanker, äußerst homo­gen­er Tonge­bung und mit sehr organ­is­chen Entwick­lun­gen inter­pretiert wird, die den Ein­druck eines natür­lichen Spiels entste­hen lassen.
Diese Qual­itäten set­zen sich bei dem im Todes­jahr Max Regers 1916 abgeschlosse­nen Klar­inet­ten­quin­tett A-Dur op. 146 fort. das mit seinem Geflecht aus fünf gle­ich­w­er­ti­gen Stim­men ein nach innen gerichtetes Werk ist, das die große Geste weit­ge­hend ver­mei­det. Der Klar­inet­ten­part, der nur wenige klar­inet­ten­typ­is­che Spielfig­uren erken­nen lässt, wird von Reger nicht als Solopart behan­delt, son­dern ganz eng mit den Stre­ich­er­stim­men ver­woben. Dabei nutzt der Kom­pon­ist die extreme dynamis­che Anpas­sungs­fähigkeit der Klar­inette in ihrer ganzen Band­bre­ite – bevorzugt aber in den unteren Stufen der Dynamik –, die zu fein­sten Aus­druck­snu­an­cen führt und die Ver­schmelzung mit dem Stre­icherk­lang ermöglicht.
Thorsten Johanns ist für das Dio­genes Quar­tett der ide­ale, äußerst anpas­sungs­fähige Part­ner, dessen geschmei­di­ger Ton sich müh­e­los in das mit feinem Vibra­to spie­lende Stre­ichquar­tett inte­gri­ert. Den Inter­pre­ten gelingt eine in allen Details des kam­mer­musikalis­chen Musizierens stim­mige und im Aus­druck dif­feren­zierte Wieder­gabe, die trotz der läng­sten Spielzeit im Ver­gle­ich zu anderen Auf­nah­men dank ein­er klu­gen Phrasierungskun­st nie an Span­nung ver­liert. Die Part­ner­schaft des Klar­inet­tis­ten mit dem Dio­genes Quar­tett ist ein Glücks­fall und find­et ihren Höhep­unkt im ergreifend­en Largo. Der abschließende Vari­a­tion­ssatz ist eine Ver­beu­gung Regers vor seinem Vor­bild Johannes Brahms und lässt auch die instru­men­tal­tech­nis­chen Qual­itäten dieser beson­deren Auf­nahme her­vortreten.

Herib­ert Haase