Clara Schumann/Ludwig van Beethoven

Klavierkonzert a-Moll/Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur

Ragna Schirmer (Klavier), Staats- kapelle Halle, Ltg. Ariane Matiakh

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics
erschienen in: das Orchester 02/2018 , Seite 65

Clara heißt diese CD – das kann sich eigentlich nur auf eine beziehen: Clara Schu­mann. Mit ihr, die sowohl Klaviervir­tu­osin als auch Kom­pon­istin war, befasst sich die Pianistin Ragna Schirmer schon fast ein Leben lang. Auf ihrer neuen CD verknüpft sie bei­de Facetten von Claras Wirken eng miteinan­der. Zu hören ist deren Klavierkonz­ert in a-Moll, daneben das vierte Klavierkonz­ert von Beethoven.
Das Werk der 16-jähri­gen Clara Wieck belegt ihre kreativ­en Aspi­ra­tio­nen, die später, als sie den Leben­sun­ter­halt ihrer Fam­i­lie als reisende Vir­tu­osin ver­di­enen musste, immer weit­er zurück­treten mussten. Daher sind die (hier leicht gekürzt zu hören­den) Kaden­zen, die sie zu Beethovens von ihr oft gespiel­tem G-Dur-Konz­ert schrieb, mehr als bloßes Gele­gen­heits- oder Bei­w­erk, vielmehr Zeug­nisse ein­er musikalis­chen Entwick­lung, die über Geld­sor­gen und Reisen nicht so an den Tag treten kon­nte, wie es für sie (und uns) wün­schenswert gewe­sen wäre: Ihr zweites Klavierkonz­ert, an dem sie zugle­ich mit den Beethoven-Kaden­zen arbeit­ete, blieb unvol­len­det.
So weit, was an biografisch-his­torischen Bezü­gen in dem über­legt zusam­mengestell­ten Pro­gramm dieser CD steckt. Die beein­druckt aber vor allem durch eine Inter­pre­ta­tion, die bei aller Vir­tu­osität in ihrer har­monis­chen Aus­ge­wogen­heit bemerkenswert geschlossen, zugle­ich dif­feren­ziert und sprechend ist. Ragna Schirmer und die Staatskapelle Halle unter Ari­ane Mati­akh agieren als kon­ge­niale Part­ner­in­nen in musikalisch eben­bür­tigem Zusam­men­wirken.
Gewählt wird ein musikalis­ch­er Mit­tel­weg zwis­chen his­torisch informiertem und mod­ernem Musizieren: Das Instru­men­tar­i­um ist mod­ern, aber das Orch­ester spielt ohne Vibra­to, die Tem­pi sind meist recht mäßig. Wohl in Annäherung an die Klangvorstel­lun­gen der Roman­tik scheint ein fließend-rhap­sodis­ch­er Ton­fall angezielt. Allerd­ings wird die Dar­bierung dadurch nir­gends bre­it oder träge – vielmehr ver­ste­hen die Musik­er trotz der eher langsamen Tem­pi, Bögen zu schla­gen, musikalis­che Innenspan­nung aufzubauen und zu hal­ten.
Durch den Verzicht auf Vibra­to bleibt der Orch­esterk­lang trans­par­ent; es fehlt ihm aber genau­so wenig an Wärme wie Schirm­ers Spiel auf dem res­o­nanzre­ich einges­timmten Flügel. Auf dem ver­mag die Pianistin alles. Sie ver­sprüht Klangnebel, lässt es perlen, alles als natür­liche Form der musikalis­chen Aus­sage. In Schu­manns a-Moll-Konz­ert kommt der Solopart bril­lant, aber auch gesan­glich-beredt daher – ein Glan­zlicht ist der zweite Satz, in dem ein Solo-Cel­lo höchst expres­siv mitschwel­gt.
Demge­genüber klingt hier Beethovens Konz­ert gelöst, schein­bar ver­son­nen, unter­gründig aber von großer inner­er Samm­lung und Konzen­tra­tion. Die Inter­pretin bringt solche Gegen­sätze organ­isch-span­nungsre­ich zusam­men. Sicher­lich ein­er der Gründe, warum man Lust hat, diese CD immer wieder von Neuem zu hören.
Gero Schreier