Christian Jost

Air

für Streichquartett, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 01/2018 , Seite 66

Während der ver­gan­genen Jahre hat der 1963 geborene Kom­pon­ist Chris­t­ian Jost mit ein­er ganzen Rei­he größer­er oder kleiner­er Werke von sich reden gemacht. Mit dem vor­liegen­den Stück, im April 2017 durch das delian::quartett uraufge­führt, nähert er sich der tra­di­tion­sre­ichen Beset­zung Streichquar­tett über den Umweg des viel­sagen­den und mehrdeuti­gen Titels Air – was, je nach his­torischem Kon­text, in gle­ichem Maße „Arie“, „Melodie“, „Luft“ oder auch „Atem“ bedeuten kann –, dem er am Kopf der Einzel­stim­men (nicht jedoch in der Par­ti­tur) die Wid­mung „dem Andenken eines Sterns“ hinzufügt.In der Tat stellt Jost das gemein­same Atmen der Musik­er in den Mit­telpunkt, vol­lziehen sich doch nahezu alle Akko­rd­wech­sel im Zug eines gemein­samen, fließen­den Voran­schre­it­ens, in das nur gele­gentlich – näm­lich durch eingeschobene Pausen, einge­wor­fene Arabesken oder sich ver­fes­ti­gende Rhyth­men – Unter­brechun­gen oder Irri­ta­tio­nen ein­ge­lassen sind. Konkret wer­den die Inter­pre­ten mit einem rund acht­minüti­gen musikalis­chen Ver­lauf kon­fron­tiert, der sich aus ein­er Einzel­stimme her­aus im ruhi­gen Zeit­maß (Vier­tel = 68) ent­fal­tet und dabei nach und nach unter­schiedliche Reg­is­ter­la­gen ein­bezieht: Aus­gangspunkt ist ein lang gehaltenes a’ in der ersten Vio­line, von dem aus über den Weg von Zwei- und Dreis­tim­migkeit der vier­stim­mige Quar­tettsatz erschlossen wird.Josts Spiel mit Tonal­ität – beispiel­sweise sein Behar­ren auf der großen Sext b-g nach Hinzutreten der Vio­la, der über­raschende Wech­sel zur über­mäßi­gen Quart b-e und die rasche Ergänzung des nach ein­er Pause fol­gen­den Dreik­langs a-e-f mit einem d im Vio­lon­cel­lo zur Vier­stim­migkeit – nimmt allmäh­lich Fahrt auf und bleibt für den Charak­ter von Air eben­so bes­tim­mend wie die sorgfältige Arbeit mit dynamis­chen Werten, die der Kom­pon­ist immer wieder dazu benutzt, um einzelne Instru­mente aus dem anson­sten in allen Stim­men ein­heitlich behan­del­ten Klanggeschehen her­aus­treten zu lassen und sie für einen kurzen Augen­blick wie plas­tis­che Fig­uren vom Hin­ter­grund abzuheben.Darüber hin­aus nutzt Jost einen sich allmäh­lich wan­del­nden har­monis­chen Rhyth­mus als Grund­lage für einen Prozess der Steigerung: Während sich die Verän­derun­gen zu Beginn nur ganz allmäh­lich vol­lziehen, find­en die Akko­rd­wech­sel im weit­eren Ver­lauf zu ein­er rascheren Gan­gart, bis die Verän­derun­gen auf dem Höhep­unkt des Stücks – dort zusät­zlich gepaart mit ein­er starken Chro­ma­tisierung des Ton­raumes – in der Viertel­metrik ein­ras­ten. Dass Jost dann am Ende mit lang gehal­te­nen, durch Pausen voneinan­der getren­nten Akko­r­den zu dem (freilich nach einem Ritar­dan­do auf Vier­tel = 48 ver­langsamten) Duk­tus des Beginns zurück­kehrt, ist bei all­dem nur konsequent.Das visuell ansprechend geset­zte Stim­men­ma­te­r­i­al der Aus­gabe birgt für jede einzelne Stimme einen über­sichtlich, zwei­seit­i­gen Noten­text, doch ließe sich mit etwas Fan­tasie auch aus der vier­seit­i­gen Stu­di­en­par­ti­tur musizieren.
Ste­fan Drees