Enescu, George

Childhood Impressions

Sonata No. 1 op. 2 / Sonata No. 2 op. 6 / Impressions d'enfance op. 28 for violin and piano. Stefan Tarara (Violine), Lora Vakova-Tarara (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ars Produktion ARS 38 212
erschienen in: das Orchester 12/2016 , Seite 72

Nicht allein den Impres­sions d’enfance, George Enes­cus 1940 ent­standen­em musikalis­chen Rück­blick auf die Kind­heit, ver­dankt sich das Mot­to der vor­liegen­den CD. Indem die bei­den Inter­pre­ten dieser Suite aus der Reifezeit die bei­den Vio­lin­sonat­en D‑Dur op. 2 (1898) und f‑Moll op. 6 (1899) gegenüber­stellen, ergibt sich ein dop­pel­ter Blick auf die frühe Entwick­lung des Geigers und Kom­pon­is­ten: Denn die in Klang­bildern voller Anspielun­gen steck­ende Imag­i­na­tion prä­gen­der Kind­heit­ser­leb­nisse wird dadurch um Werke des 17- und 18-Jähri­gen ergänzt, die von ein­er Auseinan­der­set­zung mit zen­tralen kom­pos­i­torischen Vor­bildern – vor allem mit Johannes Brahms und der franzö­sis­chen Spätro­man­tik – sowie von den gle­ichzeit­i­gen, nicht immer bis ins Let­zte geglück­ten Ver­suchen ihrer Über­win­dung kün­den.
Mit ihrer bis­lang zweit­en gemein­samen Ein­spielung knüpfen Ste­fan Tarara und Lora Vako­va-Tarara an die 2015 erschienene Pro­duk­tion The Sound of the 20s an und erweit­ern das dort vorgestellte, auch Enes­cus dritte Vio­lin­sonate a‑Moll op. 25 umfassende Reper­toire um mehrere Jahrzehnte in bei­de Rich­tun­gen. Die Umset­zung bei­der Jugend­sonat­en zeich­net sich dabei nicht nur durch große Präzi­sion im Zusam­men­spiel aus, son­dern auch durch eine ganze Rei­he von Über­raschun­gen. Hierzu gehört ins­beson­dere die trans­par­ente Darstel­lung der har­monisch kom­plex­en und satztech­nisch dicht­en Pas­sagen, zu der Vako­va-Tararas schnörkel­los klares Klavier­spiel wesentlich beiträgt.
Ihr Part­ner wiederum ver­fügt über eine flex­i­ble Tonge­bung, die vor allem dort überzeugt, wo er sie wirkungsvoll durch behut­sam einge­set­zte Por­ta­men­ti unter­stützt oder – wie etwa in den Mit­tel­sätzen bei­der Sonat­en – unter stark­er Zurück­nahme des Vibratos auf schlicht­en Aus­druck zielt. Etwas prob­lema­tis­ch­er ist der Vor­trag hinge­gen dort, wo sich der Geiger im Bere­ich der Forte-Expres­siv­ität bewegt, weil die Klan­gent­fal­tung an solchen Stellen von einem eher engen, star­ren Vibra­to bes­timmt ist und der Vio­lin­part gegenüber dem Tas­tenin­stru­ment eine Spur zu stark in den Vorder­grund rückt.
Am wenig­sten fällt diese Kri­tik bei der Wieder­gabe der Impres­sions d’enfance ins Gewicht: Der reich mit dif­feren­zierten Fin­ger­sätzen, Glis­san­doan­weisun­gen, Orna­menten, Ped­al­isierun­gen und anderen Details zur musikalis­chen Gestal­tung verse­hene Klan­greigen mit seinen wech­selvollen Evoka­tio­nen von Erin­nertem und Erlebtem – begin­nend mit der solis­tis­chen Imi­ta­tion eines folk­loris­tis­chen Vio­lin­vor­trags und anschließend über Momente wie die fil­igrane Wieder­gabe von Vogel­stim­menge­spin­sten bis hin zur illus­tra­tiv­en Umset­zung von Naturein­drück­en wie Wind und Son­nenauf­gang reichend – dient als Aus­gangspunkt für eine Inter­pre­ta­tion­shal­tung, die den qua­si-impro­visatorischen Charak­ter der ineinan­der überge­hen­den Split­ter bewahrt und ihn nach allen Rich­tun­gen hin im wech­sel­seit­i­gen Dia­log bei­der Instru­mente ausleuchtet.
Ste­fan Drees