Werke von Haydn, Mozart / Cassadó und Carl Philipp Emanuel Bach

Cellokonzerte

Valentin Radutiu (Violoncello), Münchener Kammerorchester, tg. Stephan Frucht

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic HC 16038
erschienen in: das Orchester 12/2016 , Seite 62

Wurde in Ken­nerkreisen des späten 18. Jahrhun­dert der Name Bach erwäh­nt, so dürfte kaum jemand an den Thomaskan­tor gedacht haben. Die Ehre galt vielmehr dessen zweitäl­testem Sohn, dem frid­er­izian­is­chen Kam­mercem­bal­is­ten und späteren Ham­burg­er Musikdi­rek­tor Carl Philipp Emanuel Bach. „Er ist der Vater, wir sind die Bub’n“: Wolf­gang Amadeus Mozarts CPE-Rev­erenz bezieht sich auf den großen Ein­fluss, den zumal die Instru­men­tal­musik des Ham­burg­er Bach auf die Wiener Klas­sik­er aus­geübt hat. Kaum ver­wun­der­lich, dass auch Joseph Haydn dem Meis­ter huldigte: „Wer mich gründlich ken­nt, der muss find­en, dass ich dem Emanuel Bach sehr vieles ver­danke, dass ich ihn ver­standen und fleißig studirt habe.“
Auf der vor­liegen­den Neupro­duk­tion find­en wir „Vater“ und „Bub’n“ vere­int, einen der Söhne indes in leichter Schräglage. Neben zwei authen­tis­chen Cel­lokonz­erten – Haydns C‑Dur-Konz­ert und CPE Bachs B‑Dur-Konz­ert – enthält die CD eine eben­so kuriose wie char­mante Melange: Gas­par Cas­sadós Cel­lo-Adap­tion des Mozart’schen Hornkonz­erts KV 447. Sie erschien 1931 unter der Beze­ich­nung „Freie Tran­skrip­tion“, und in der Tat beschränk­te sich der Bear­beit­er-Ehrgeiz des berühmten Cel­lis­ten keineswegs auf die Trans­po­si­tion in die cellofre­undliche Tonart D‑Dur. Vielmehr griff Cas­sadó lustvoll in die Sub­stanz des Werks ein, verän­derte hier und da den Orch­ester­satz, verkürzte oder ver­längerte einzelne Phrasen und fügte dem – im Orig­i­nal mit sechs­fach repetiertem Grund­ton dur­chaus horn­mäßig ersonnenen – Haupt­the­ma des Final­ron­dos eine augen­zwinkernd-vergnügliche Wech­sel­note ein. Vor allem aber kreierte Cas­sadó unter dem Dach des Mozart’schen Orig­i­nals einen völ­lig neuen, mit Dop­pel­grif­f­en, Akko­r­den, ras­an­ten Arpeg­gien, kurz: Akro­batik aller Art gespick­ten Solopart, der sich an den ursprünglichen Part des Horns nur mehr lose anlehnt. Und wie immer in solchen Fällen haben wir die Wahl: Führen wir eine Debat­te über Wert und Un- bzw. Zeitwert postro­man­tis­ch­er Bear­beitungswut oder nehmen wir es sportlich und genießen die Her­rlichkeit vir­tu­osen Cel­lospiels, vor dem „beruhi­gen­den“ Hin­ter­grund eines Mozart-Konz­erts?
Let­ztere Reak­tion sei her­zlich emp­fohlen, zumal dann, wenn ein Meis­ter­cel­list wie Valentin Radu­tiu am Werk ist. Der 1986 in München geborene Ex-Schüler von Hein­rich Schiff und David Geringas lässt das Mozart-Cas­sadó-Konz­ert in allen Facetten erblühen, voll­bringt Atem­ber­auben­des an Fin­ger- und Bogen­fer­tigkeit und spielt zugle­ich ton­schön und beseelt: ein reines Vergnü­gen! Nicht weniger gilt dies für die bei­den anderen Werke, wobei hier sowohl Solist als auch das exzel­lent beglei­t­ende Münch­en­er Kam­merorch­ester unter der Leitung des jun­gen Diri­gen­ten Stephan Frucht hör­bar machen, dass „his­torisch informiertes“ und entspan­nt-atmendes Musizieren mehr oder weniger syn­onyme Begriffe gewor­den sind.
Ger­hard Anders