Benjamin Britten

Cello Suites

Jakob Spahn (Violoncello)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic
erschienen in: das Orchester 07-08/2021 , Seite 76

Der Schlüs­sel zu diesen Inter­pre­ta­tio­nen von Brit­tens drei Suit­en für Solo-Cel­lo liegt in den eige­nen Worten des Solis­ten: „Meine Arbeit an diesen Werken würde ich mit dem Knack­en ein­er sehr, sehr harten Nuss ver­gle­ichen“, schreibt Jakob Spahn in seinem sehr infor­ma­tiv­en und gut les­baren Ein­führung­s­text zur vor­liegen­den CD. „Um eine gewisse Frei­heit in der Gestal­tung von Struk­tur und Gestik zu erlan­gen, muss man sich zuweilen buch­stäblich an ihnen ‚abar­beit­en‘.“
Nicht, dass das Wort „abar­beit­en“ sich auf den hören­den Ein­druck von Spahns Spiel nieder­ließe – ganz im Gegen­teil: Jakob Spahn, seit 2011 Solo-Cel­list an der Bay­erischen Staat­sop­er und Preisträger beim Inter­na­tionalen Musik­wet­tbe­werb der ARD in München 2010, ver­fügt über eine der­art stu­pende Tech­nik, dass Brit­tens intrikate Musik unter seinen Hän­den so leicht klingt, als wäre sie soeben dahin impro­visiert. Nein, es ist der Begriff der Frei­heit, der hier im Vorder­grund ste­ht. Denn nicht nur bieten Brit­tens Suit­en harten Stoff für den Solis­ten, son­dern es muss sich auch jed­er Inter­pret, der sich dieser Musik nähert, qua­si einen Kampf liefern mit Mstis­law Ros­tropow­itsch, für den sie geschrieben ist und der sie auch auf Schallplat­te veröf­fentlichte – allerd­ings nur die ersten bei­den Werke.
Die Inter­pre­ta­tio­nen des Wid­mungsträgers sind natür­lich sehr stark, aber auch eben­so natür­lich und unge­mein per­sön­lich gehal­ten. Man kann nur ver­lieren, wenn man ver­sucht, auf dem sel­ben Pfad zu wan­deln. Und getreu seinen Worten find­et Jakob Spahn seinen eige­nen Weg. Dieser mag – wenn man etwa den Beginn der ersten Suite mit der emo­tion­al über­bor­den­den Ros­tropow­itsch-Auf­nahme ver­gle­icht – etwas zurück­hal­tend anmuten. Spahn gelingt es jedoch sowohl den expliziten Charak­ter jedes einzel­nen Satzes her­auszuar­beit­en als auch den expliz­it an Bach angelehn­ten Tanzcharak­ter der Musik lebendig wer­den zu lassen, ohne ihn überzubetonen.
Spahn agiert beson­ders erfol­gre­ich in jenen Gefilden des halb Ver­spiel­ten, halb Unheim­lichen, die so sehr Brit­tens Eige­nart waren und sich etwa im „Bor­done“ genan­nten Satz der Suite Nr. 1 man­i­festieren. Der im Ver­gle­ich zu den Suit­en eins und drei stren­gere Charak­ter der zweit­en Suite wird von Spahn überzeu­gend offen­gelegt – und es dürfte sich von selb­st ver­ste­hen, dass dabei der Exkurs in eine gewisse schul­mäßige Trock­en­heit ver­mieden wird. Die abschießende Pas­sacaglia dieser Suite erklingt – eben­so wie die der Suite Nr. 3 – als logis­che Schlussfol­gerung ein­er Entwick­lung des the­ma­tis­chen Mate­ri­als über ver­schieden­ste Aus­drucks­for­men hinweg.
Schön ist auch, dass Jakob Spahn noch Platz find­et, neben den drei Suit­en auch Brit­tens Tema Sach­er vorzustellen – eines der let­zten Werke Brit­tens und Teil ein­er, eben­falls von Ros­tropow­itsch ini­ti­ierten, Hom­mage an Paul Sach­er zu dessen 70. Geburtstag. <
Thomas Schulz