Sulkhan Tsintsadze/Dmitri Schostakowitsch

Cello Concertos of 1966

Maximilian Hornung (Violoncello), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Ltg. Andris Poga

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Myrios Classics MYR023
erschienen in: das Orchester 4/2019 , Seite 73

Sie war dabei: Die 1947 geborene englis­che Cel­listin und Autorin Eliz­a­beth Wil­son studierte in den 1960er Jahren in Moskau bei Mstis­law Ros­tropow­itsch und erlebte in dieser Zeit die Pre­miere des 2. Cel­lokonz­erts von Dmitri Schostakow­itsch. Ihr infor­ma­tiv­er, wen­ngle­ich in den Werkbeschrei­bun­gen recht ausufer­n­der Book­let­text zur vor­liegen­den Pro­duk­tion bringt uns die Welt der rus­sis­chen Cel­lokonz­erte der Nachkriegszeit nahe.
Zu den Pro­tag­o­nis­ten seit den 1940er Jahren gehörte der leg­endäre Cel­list Svjatoslav Knu­she­vitzky, der viele Urauf­führun­gen gespielt hat, im Cel­lokonz­ert von Rein­hold Glière allerd­ings aus der Kurve flog: „[He] got mud­dled and lost his place more than once.“ Außer­dem der junge Heißs­porn Ros­tropow­itsch, der 1953 Prokof­jews Sin­fonis­ches Konz­ert aus der Taufe hob. Und wir lesen den Namen des hierzu­lande wenig bekan­nten geor­gis­chen Cel­lis­ten Eldar Issakadze, dem das 2. Cel­lokonz­ert von Sulkhan Tsintsadze (1925–1991) – auch dieser Name dürfte uns kaum geläu­fig sein – gewid­met ist. Issakadze wiederum war ein­er der Lehrer des bril­lanten Cel­lis­ten Max­i­m­il­ian Hor­nung, der auf dieser CD als Solist zu hören ist. Ein Kreis schließt sich.
Hor­nung, Jahrgang 1986, gehört zu den bekan­ntesten Cel­lis­ten der jun­gen Gen­er­a­tion. Nach Stu­di­en unter anderem bei David Geringas wurde er 23-jährig Solo-Cel­list im Sym­phonieorch­ester des Bay­erischen Rund­funks. Nach vier Orch­ester­jahren wagte er den Sprung in die Solo-Kar­riere, und bish­er gibt ihm der Erfolg recht: Er konz­ertiert weltweit mit renom­mierten Orch­estern und Kam­mer­musik­part­nern wie Chris­t­ian Tet­zlaff und Tabea Zim­mer­mann.
Auf sein­er „sow­jetis­chen“ CD kom­biniert Hor­nung zwei Werke des Jahrgangs 1966: Sulkhan Tsintsadze bedi­ent sich in seinem 2. Cel­lokonz­ert bisweilen ein­er (über­raschend) fre­itonalen Ton­sprache. Ein­flüsse geor­gis­ch­er Folk­lore sind vernehm­bar, allerd­ings beschränken sie sich fast auss­chließlich auf einen der fünf Sätze, das an viert­er Stelle ste­hende Presto. For­mal – eine zen­trale Kadenz wird umrahmt von jew­eils zwei „Episo­den“, die in sich wiederum mehrteilig und leit­mo­tivisch miteinan­der ver­bun­den sind – wie auch in sein­er unver­stell­ten Expres­sion mutet das Werk wenig „regle­men­tiert“ an.
Schostakow­itschs zweites Cel­lokonz­ert zeigt die ganze Meis­ter­schaft des 60-Jähri­gen: seine Kun­st als Kon­tra­punk­tik­er und Instru­men­ta­tor, sein unver­gle­ich­lich­es Chang­ieren zwis­chen Ironie und lei­den­schaftlichem Appas­sion­a­to, seine Ver­weigerung gegenüber jed­er bil­li­gen Affir­ma­tion.
Max­i­m­il­ian Hor­nung spielt bei­de Werke mit spür­bar­er Hingabe, über­aus farb- und nuan­cen­re­ich und mit leuch­t­en­dem, niemals über­lade­nen Ton. Sein selb­st nach heuti­gen Maßstäben him­melsstürmerisches Spiel und seine außergewöhn­liche tech­nis­che Sou­veränität lassen ihn auch die ver­track­testen Dop­pel­griff­pas­sagen prob­lem­los meis­tern. Das Deutsche Sym­phonie-Orch­ester Berlin und der junge let­tis­che Diri­gent Andris Poga sind ihm kon­ge­niale Part­ner. Großar­tig!
Ger­hard Anders