Édouard Lalo und Enrique Casals

Cello Concertos

Jan Vogler (Violoncello), Moritzburg Festival Orchestra, Ltg. Josep Caballé Domenech

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 11/2023 , Seite 68

Der gute Geist des großen Pablo Casals schwebt über dieser Produktion. Mehrfach war der Cellist Gast des 1951 ins Leben gerufenen Marlboro Festival, bei dem eine uns geläufige, für damalige Zeiten höchst innovative Idee realisiert wurde: Arrivierte Künstler:innen und junge Musiker:innen kamen zusammen, machten Kammermusik, bildeten ein Orchester, lernten voneinander. Diesem Konzept ist auch das 1993 gegründete Moritzburg Festival verpflichtet: Unter der künstlerischen Leitung des Cellisten Jan Vogler trifft sich alljährlich Alt und Jung, auch hier gibt es mittlerweile ein Festival Orchestra, das sich zusammensetzt aus Student:innen der Moritzburg Akademie.
Doch Pablo Casals ist noch in anderer Hinsicht präsent: 1899 debütierte er als Solist mit Édouard Lalos Cellokonzert, einem heute eher selten gespielten Werk, das lange Zeit zum festen Bestand des cellistischen Solo-Repertoires gehörte. Diesem Werk widmet Jan Vogler eine Hälfte seiner CD.
Casals „zum Dritten“: Enrique (1892–1986), Pablos jüngerer Bruder, war ein vielseitiger Musiker. Er wirkte als Geiger, Pädagoge und arbeitete im Kontext des Orchestra Pau Casals auch mit seinem Bruder zusammen. Enriques wohl ambitionierteste Komposition ist sein Cellokonzert.
Die Musik ist geprägt vom Tonfall des frühen Richard Strauss. Katalanische Volkstanz-Motive – vor allem der Sardana entlehnt – kommen als koloristische Einsprengsel hinzu. Dem Werk mangelt es nicht an süffiger Melodik, das Hauptthema des Kopfsatzes ist fast zu schön, um nicht „geklaut“ zu sein! Der Solopart bietet reiche Gelegenheit zur Entfaltung großer Kantilenen und enthält nur wenige wirklich knifflige Virtuosenpassagen. Treten wir dem begabten Enrique zu nahe, wenn wir sein Konzert als freundlich-charmant mit gelegentlichen Abrutschern ins Süßliche kennzeichnen?
In Lalos Konzert geht es allemal kerniger zu: Auch hier sind folkloristische Einflüsse zu vernehmen, eingebunden in ein Werk, das von düsterem Beginn über ein teils melancholisch, teils tänzerisch gestimmtes Intermezzo bis zum rasanten Finale ein weites Gefühlsspektrum durchmisst. Lalo orchestriert so geschickt, dass dem Soloinstrument stets Raum gegeben ist.
Alles Kantable gelingt Jan Vogler vorzüglich. In tiefer, mittlerer und hoher Lage erfüllt sein Celloton die langen Linien insbesondere des Casals-Konzerts mit Intensität und feiner Tongebung. Auch die Energie des Lalo-Kopfsatzes und die Lyrik des Andantino sind bei ihm in besten Händen. Schnellen Passagen eignet hingegen bisweilen eine gewisse Erdenschwere. Das Allegro presto des Lalo-Mittelsatzes hat man schon leichtfüßiger gehört. Insgesamt vernehmen wir hochprofessionelles Cellospiel, ihm zu lauschen macht Freude. Das Moritzburg Festival Orchestra begleitet unter Josep Caballé Domenech straff und zuverlässig und leuchtet die Details der ausgedehnten Orchesterpassagen subtil aus.
Gerhard Anders