Katharina Deserno

Cellistinnen

Transformationen von Weiblichkeitsbildern in der Instrumentalkunst

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Böhlau
erschienen in: das Orchester 12/2018 , Seite 61

Heute sind Frauen in der Musikerwelt allgegenwärtig, doch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Lise Cristiani (1827?-1853) eine Sensation: Erstmals wagte es eine Frau öffentlich mit dem Cello aufzutreten! Um keinerlei Anstoß zu erregen, trug sie weite, lange Kleider, die ihre Körperformen und das Halten des Instruments mit den Beinen verhüllten. Zudem inszenierte sie ihre Auftritte bewusst „weiblich“: Cristianis Spiel war sanft, leise und gesanglich. Sie verwendete fast ausschließlich die hohen Saiten des Instruments, benutzte gerne natürliche Flageoletts und wählte langsames und empfindsames Repertoire. So gelang der Cellistin gegen alle Widerstände eine große Karriere.
Besonders bemerkenswert sind Cristianis Konzertreisen, die sie bis nach Sibirien und in die Kriegsgebiete im Kaukasus führten. Als Cellistin und reisende Frau ohne familiäre Begleitung überschritt Cristiani zahlreiche Grenzen, die den Lebensentwurf für Frauen im 19. Jahrhundert limitierten, und bereitete so nachfolgenden Musikerinnen den Weg. Mit ihr beginnt die Wandlung des Cellos vom reinen „Männerinstrument“ zum von beiden Geschlechtern gleichermaßen gespielten Instrument.
Katharina Deserno arbeitet diesen Entwicklungsprozess eindrucksvoll in ihrer Dissertation heraus und beleuchtet dabei unterschiedliche Facetten der Transformation von Weiblichkeitsbildern. Hier spielte eine weitere Cellistin eine wichtige Rolle: Guilhermina Suggia (1885-1950). Sie wurde zunächst von ihrem Vater unterrichtet und später von Julius Klengel gefördert. Aufgrund der männlichen Vorbilder erfuhr Suggia keinerlei Einschränkungen bezüglich ihrer Technik, der Stückauswahl und deren Interpretation. Sie spielte das aktuelle Repertoire der Cellisten, trat mit Orchestern auf und füllte beispielsweise mit Dvořáks Cellokonzert große Säle. Auf der Bühne erreichte sie eine enorme Präsenz und nutzte dazu nicht nur das Cello, sondern auch ihren Körper, was zu Lise Cristianis Lebzeiten noch undenkbar gewesen wäre.
Doch auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Cellistinnen noch mit der Erwartungshaltung an weibliches Auftreten zu kämpfen. So reagierte die Presse nach Suggias Konzerten regelmäßig überrascht, was ihren kraftvollen und lauten Ton betraf, der nach wie vor mit männlichem Spiel assoziiert war. Die Cellistin ließ sich davon jedoch nicht beirren, ihr waren Tonqualität und musikalischer Ausdruck besonders wichtig. Als erste Frau veröffentlichte sie instrumentalwissenschaftliche Artikel über das Cellospiel.
Gänzlich ohne Einschränkungen konnte sich schließlich Jacqueline du Pré (1945-1987) auf der Bühne entfalten: Sie musizierte mit überbordender Leidenschaft, dem ganzen Körper, ausdrucksstarker Mimik, trug kurze Röcke und lange offene Haare und avancierte zum Weltstar.
Katharina Deserno räumt Cellistinnen den Platz in der Musikgeschichte ein, den sie verdienen! Ein empfehlenswertes Buch, für Frauen und Männer gleichermaßen!
Anna Catharina Nimczik