Tonhalle Orchestra Zurich

Celebrating 150 Years

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 11/2018 , Seite 70

Was schenkt man sich zum 150. Geburt­stag? Erin­nerun­gen an gold­ene Zeit­en oder den Genuss der Gegen­wart? Die aus 14 CDs beste­hende Box, die das Ton­halle Orch­ester Zürich gemein­sam mit der Schweiz­er Radio- und Fernse­hge­sellschaft SRF und Sony Music her­aus­ge­bracht hat, verbindet bei­des miteinan­der.
Die Liveauf­nah­men, die die Geschichte des Orch­esters hör­bar machen, sind alles Erstveröf­fentlichun­gen auf CD. Vielle­icht liegt es an den vie­len ver­schiede­nen Chefdiri­gen­ten, dass man bei diesem Ensem­ble weniger einen eige­nen Ton hört als eine große stilis­tis­che Flex­i­bil­ität. Nur Friedrich Hegar (1865–1906), Volk­mar Andreae (1906–1949), Erich Schmid (1949–1957), Rudolf Kempe (1965–1972) und David Zin­man (1995–2014) blieben länger als fünf Jahre in Zürich. Manche der Chefdiri­gen­ten wie Gerd Albrecht oder Christoph Eschen­bach sind, wie Peter Hag­mann im Book­let erk­lärt, im Stre­it gegan­gen.
Vor allem aber fällt beim Hören auf: Dieses Orch­ester wird im Alter immer bess­er. Die früh­este Auf­nahme aus dem Jahr 1942 ist nicht nur wegen der schlecht­en Ton­qual­ität von rein his­torischem Inter­esse. Volk­mar Andreae dirigiert Bruck­n­ers Siebte ganz ger­ade. Die Musik atmet nicht, ent­fal­tet keine Tran­szen­denz. Into­na­tion­strübun­gen und eine schlechte Bal­ance in den Holzbläsern trüben den Gesamtein­druck. Auch Schu­manns Vierte aus dem Jahr 1943 unter der Leitung von Oth­mar Schoeck und Schu­berts Dritte (1959) unter dem Chefdiri­gen­ten Erich Schmid haben Licht und Schat­ten: einen klaren inter­pre­ta­torischen Zugriff, aber viele Unge­nauigkeit­en im Detail.
Span­nend die dritte CD, in der die hochdrama­tis­che, pathos­getränk­te Inter­pre­ta­tion von Beethovens Fün­fter (1968, Rudolf Kempe) der al dente musizierten, fed­ern­den Auf­nahme der Ersten unter der Leitung von Frans Brüggen gegenübergestellt wird. Die fließen­den Bruck­n­er-Inter­pre­ta­tio­nen von Haitink (Fün­fte) und Blom­st­edt (Neunte) haben dur­chaus Eck­en und Kan­ten. Jonathan Notts wun­der­bar sprechende „Trauersin­fonie“ von Joseph Haydn hat genau­so Ref­eren­zcharak­ter wie Saint-Saëns’ far­ben­re­iche Orgelsin­fonie in der Deu­tung Charles Dutoits. Plas­tisch und drastisch gerät Berlioz’ Sym­phonie fan­tas­tique unter dem gegen­wär­ti­gen Chefdiri­gen­ten Lionel Bin­guier (bis Som­mer 2018), dem 2019 Paa­vo Järvi fol­gen wird.
Es ist David Zin­man zu ver­danken, dass das Orch­ester Mitte der 1990er Jahre einen Qual­itätssprung machte. Der Mitschnitt seines Abschied­skonz­erts aus dem Jahr 2014 mit Mahlers Aufer­ste­hungs-Sym­phonie ist trotz kleiner­er Patzer in Orch­ester und Chor ein tief bewe­gen­des Ton­doku­ment. Neue Musik find­et sich vor allem von Schweiz­er Kom­pon­is­ten wie Oth­mar Schoeck (Penthe­silea), Heinz Hol­liger (Vio­linkonz­ert Hom­mage à Louis Sout­ter) oder Albrecht Moeschinger (Sin­fonie Nr. 4) in präzisen und immer auch klangsinnlichen Inter­pre­ta­tio­nen. Aber auch bei Mor­ton Feld­mans Cop­tic Light oder Witold Lutosławskis Livre pour orchestre machen die Schweiz­er eine gute Fig­ur.
Georg Rudi­ger