Georges Bizet

Carmen

Live from Konzert Theater Bern, April 2018. Berner Symphonie- orchester, Ltg. Mario Venzago

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Arthaus Musik
erschienen in: das Orchester 06/2021 , Seite 79

Mit ein­er schar­fkanti­gen Spiegelscherbe vertei­digt Car­men Ehre und Kör­p­er. Sie ist keine fre­undlich-liebe­suchende Zige­uner­in, sie kämpft mit den Män­nern, nicht um sie. So hochemo­tion­al aufge­laden brachte Stephan Mär­ki 2018 Bizets bekan­ntestes Werk auf die Bern­er Bühne: Als Kampf um Macht und Herrschaft, im Einzel- wie im Nor­mal­fall. Und mit Claude Eichen­berg­er in der Titel­rolle funk­tion­iert das bestens, auch in der aufgeze­ich­neten Vari­ante auf CD und, bess­er noch, als DVD.
Im sündig-roten Jump­suit ist Car­men hier von Anfang an eine Beschädigte, die zer­laufene Wim­pern­tusche ist noch das Wenig­ste. Der Tod (Win­ston R. Arnon als tanzen­der Jok­er) bedrängt und befin­gert sie wie selb­stver­ständlich. Gle­ich darauf dressiert er ein kleines Mäd­chen in eine solche Frauen­rolle hinein. Genau­so beiläu­fig und belei­di­gend rückt Moralès ( Carl Rum­stadt) Micaela (Elis­sa Huber, eher blass) zu Leibe – ein Her­ren­recht, wie er glaubt.
Damit ist für diese Bern­er Car­men der Ton geset­zt. Wie gehen Mann und Frau miteinan­der um, fragt Mär­ki immer wieder, und, weil er die Oper ohne Dialoge spie­len lässt, so ras­ant wie präg­nant. Claude Eichen­berg­er bringt dafür alles mit: einen war­men, aber an den Kan­ten geschärften Mez­zo, Rebel­lion in Blick und Stimme.
Das Bern­er Sym­phonieorch­ester unter Mario Ven­za­go begleit­et sie erst mit tief­trau­ri­gen Klän­gen, set­zt ihr eher gebrem­stes „Tra la la la la“ unter Feuer und lässt es gewit­tern, als das Dra­ma mit Don José beginnt.
Der ist ein bieder­er Mama-Sohn (Xavier Moreno), den an Micaela nur die Berichte von daheim inter­essieren – auch der (einzige) Kuss gilt der Mut­ter. Eine bit­tere, genau geze­ich­nete und gesun­gene Szene. Dass dieser Gefühls­beamte an der Urge­walt Car­mens scheit­ern muss, ist früh klar und José blamiert sich bis auf die Hosen­träger. Aber Moreno ver­rät seine Fig­ur nie, fle­ht mit dun­klen Tönen um Liebe, als glaube er wirk­lich an sie. Er gibt überzeu­gend keinen strahlen­den, son­dern einen eher rast- und rat­losen Helden. Und was ihm an Gefühlen zu fehlen scheint, steuert das Orch­ester unter Ven­za­go kräftig bei: Der Kampf zwis­chen ihrem Wüten und seinen Illu­sio­nen klingt dort deut­lich, wird auch hier als Wider­stre­it ausgetragen.
Schade nur, dass die Auf­führung in der Totale zu dunkel ist, Nahauf­nah­men müssen die Pro­tag­o­nis­ten ken­ntlich machen (Bil­dregie: Bet­ti­na Ehrhardt). Und Philipp Fürhofer, für Szene und Kostüme zuständig, tut mit auf­plus­tern­den Oberteilen nicht allen Sän­gerin­nen einen Gefallen.
Nach all dem stimm­lichen und orches­tralen Aufruhr, nach einem Anzug-Chor, der vom Rang herunter zus­tim­mend oder hämisch applaudiert, nach einem Ringkampf zwis­chen José und Escamil­lo (Jor­dan Shana­han) ist das Ende schein­bar beiläu­fig. Das Orch­ester peitscht die Emo­tio­nen noch ein­mal hoch, den Tod aber find­et Car­men im Vor­beige­hen, getrof­fen von ein­er Spiegelscherbe.
Ute Grundmann