Carlos Kleiber

Rubrik: Bücher
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Es gibt eine hochin­ter­es­sante CD, welche Alexan­der Borodins 2. Sin­fonie in Ein­spielun­gen sowohl durch Erich als auch Car­los Kleiber präsen­tiert. Inter­pre­ta­tionsver­gle­iche lassen sich für Vater und Sohn freilich auch son­st zur Genüge anstellen, etwa mit Beethoven, Schu­bert oder Johann Strauß auf dem sin­fonis­chen Sek­tor, mit dem Rosenkava­lier von Richard Strauss oder Webers Freis­chütz bei der Oper. Dieser Hin­weis erfol­gt nicht von unge­fähr. Wer sich über Car­los Kleiber zu äußern anschickt, wird dies nicht tun kön­nen, ohne umfänglich auf Erich Kleiber als Über­fig­ur für den Sohn einzuge­hen. Ob päd­a­gogis­che Strenge und Restrik­tion als Hil­fe gemeint war oder ob sich vor­rangig ein autoritär­er Charak­ter auslebte, ist schw­er entschei­d­bar. Dass sich Car­los Kleiber aber an Erich Kleibers kün­st­lerisch­er Integrität und Kom­pro­miss­losigkeit ein Leben lang bis zur Selb­stzer­fleis­chung ori­en­tierte, dürfte außer Zweifel ste­hen.
Die dritte Biografie über Car­los Kleiber (zuvor schrieben Jens-Malte Fis­ch­er und Mau­ro Balestrazzi über den 1930 gebore­nen, 2004 ver­stor­be­nen Diri­gen­ten) stammt von Alexan­der Wern­er und ist in ihrer Fülle von Zeitzeu­gen-Aus­sagen nachger­ade über­wälti­gend. Diese sum­mieren sich zum kom­plex­en Bild eines genialis­chen, skrupulösen und angst­be­sesse­nen Diri­gen­ten. Irgend­wann kom­men bei der Schilderung seines zer­ris­se­nen Charak­ters freilich keine neuen Aspek­te mehr hinzu. Man gewin­nt sog­ar den Ein­druck, der Autor habe seinen Inter­view-Zettelka­s­ten partout bis zur Neige auss­chlacht­en wollen.
Die gle­ich­wohl lebendig zu lesende und erfreulich unakademis­che Biografie verdichtet das Bild eines Kün­stlers, der immer und über­all um die ide­ale Inter­pre­ta­tion rang. Die vie­len eigen­willi­gen, oft genug betrieb­släh­menden Reak­tio­nen Car­los Kleibers haben manch reißerischen Zeitungsar­tikel zur Folge gehabt. Bei aller Impul­siv­ität des Gebarens ist jedoch zu bedenken: Car­los Kleiber, dessen Diri­gen­tenkar­riere eher langsam anlief und der so manche Stolper­steine zu über­winden hat­te, blieb gegenüber seinen Leis­tun­gen ungeachtet öffentlich­er Euphorien stets kri­tisch, ja überkri­tisch und maß sie stets (eine fast schon pathol­o­gis­che Kom­po­nente) an den kün­st­lerischen Vor­gaben des Vaters. Er erlaubte sich ver­störende Auszeit­en, belei­digte mit Absagen und befremdete mit exor­bi­tan­ten Hon­o­rar­forderun­gen. Und doch wurde er, pri­vat dur­chaus char­mant, von fast allen Sängern und Orch­ester­musik­ern nahezu kul­tisch verehrt.
Was sich an Affären hin­ter den Kulis­sen abspielte (stel­lvertre­tend seien die Auseinan­der­set­zun­gen mit dem Regis­seur Wal­ter Felsen­stein beim Stuttgarter Freis­chütz 1967 genan­nt), mag für den flüchti­gen Leser schon mal den Charak­ter ein­er Kol­portage annehmen. Doch wo Genial­ität Platz greift (und das war bei Car­los Kleiber der Fall), ist eben nicht mit tra­di­tionellem Maß zu messen. Die Her­ausar­beitung dieses Moments besticht an Wern­ers Buch, die Fülle an Anek­do­tis­chem mag man unter­schiedlich bew­erten.
Christoph Zimmermann