Charles Gounod

Cantates et musique sacrée

Collection Prix de Rome vol. 6. Collection Prix de Rome vol. 6, Flemish Radio Choir, Brussels Philharmonic, Ltg. Hervé Niquet

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ediciones Singulares
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 71

Alle Wege führen nach Rom – für franzö­sis­che Kom­pon­is­ten war das jahrzehn­te­lang mehr als ein geflügeltes Wort. Der „Prix de Rome“, vergeben von der Académie de France in Rom, galt als erste Stufe der Kar­ri­ereleit­er. Die Ausze­ich­nung, ver­liehen für die Kom­po­si­tion ein­er umfan­gre­ichen Kan­tate, bescherte dem Glück­lichen ein Stipendi­um in der leg­endären Vil­la Medici in Rom, die Napoleon 1803 für den franzö­sis­chen Staat angekauft hat­te. Seit­dem wurde der Prix de Rome auch in der Sparte Musik ver­liehen (zuvor nur für Lit­er­atur und Bildende Kün­ste).
Die Liste der Preisträger verze­ich­net viele berühmte Namen, von Hec­tor Berlioz bis Hen­ri Dutilleux, aber min­destens eben­so viele, die in den Weit­en der Musikgeschichte ver­schwun­den sind. Den promi­nen­teren Fig­uren wid­met sich die „Col­lec­tion Prix de Rome“, die vom „Cen­tre de musique roman­tique française“ mit Sitz im Palazzet­to Bru Zane in Venedig her­aus­gegeben wird. Mono­grafien über Claude Debussy, Camille Saint-Saëns, Gus­tave Char­p­en­tier, Max d’Ollone und Paul Dukas sind bere­its erschienen.
Goun­od brauchte zwar nicht wie Hec­tor Berlioz vier, aber immer­hin drei Anläufe, um Rom-Preisträger zu wer­den. 1839 brachte ihm die lyrische Szene Fer­nand den ersehn­ten Erfolg. Es geht um den Groß­mut von Don Fer­nand gle­ich Fer­di­nand V., der den eige­nen Tod in Kauf nimmt, um einem lieben­den Paar die Flucht zu ermöglichen. His­torisches Umfeld ist die unter mau­risch­er Herrschaft ste­hende Stadt Gra­nada kurz vor ihrem Fall 1492.
Neu für Goun­od war, dass er seine Kom­po­si­tion auf ein geän­dertes Regel­w­erk aus­richt­en musste. Ab 1839 ver­langte der „Con­cours“ näm­lich drei Per­so­n­en statt der bish­er üblichen Sopran- und Tenorpar­tie, wie der wis­senschaftliche Leit­er des Palazzet­to Bru Zane, Alexan­dre Dratwic­ki, in einem erhel­len­den Essay erläutert. Der the­ma­tisiert aber nicht nur das preis­gekrönte Werk, son­dern auch die bei­den voraus­ge­gan­genen Ver­suche Maria Stu­art et Rizzio (1837) und La Vendet­ta (1838). Alle drei find­en sich auf ein­er dem Buch beige­fügten CD, einge­spielt von den Brüs­sel­er Phil­har­monikern unter Leitung von Hervé Niquet und ein­er respek­tablen Solis­ten­riege.
Sein mit dem Preis ver­bun­den­er Stu­di­en­aufen­thalt in Rom ver­stärk­te bei Goun­od seine tiefe Reli­giosität. Einige der Werke, die während dieser Zeit ent­standen, find­en sich auf ein­er zweit­en, dem Buch beige­fügten CD, so die Messe de Saint-Louis-des-Français, die Messe vocale (in der die Strahlkraft und fabel­hafte Klangkul­tur des Flem­ish Radio Choir beson­ders zur Gel­tung kom­men) oder die Hymne sacrée. Auch über dieses The­men­feld informiert ein kundi­ger Essay. Goun­od erlebte in der Vil­la Medici das Ende der Amt­szeit von Jean-Auguste-Dominique Ingres, der von 1835 bis 1841 Direk­tor der Vil­la Medici war. Dessen Wirken nimmt der dritte Beitrag in den Blick. Der in lim­i­tiert­er Auflage gedruck­te Band ist zweis­prachig (franzö­sisch – englisch) und dank des aparten Jugend­stilde­signs auf dem Ein­band auch eine Augen­wei­de.
Math­ias Nofze