Shostakovich, Dmitry

Cantatas

Alexei Tanovitski (Bass), Konstantin Andreyev (Tenor), Narva Boys Choir, Estonian Concert Choir, Estonian National Symphony Orchestra, Ltg. Paavo Järvi

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Erato 0825646166664
erschienen in: das Orchester 11/2015 , Seite 81

„Diese CD hat sich zum Ziel geset­zt, die raue Wirk­lichkeit im Leben eines großen Kom­pon­is­ten zu zeigen: sein Bedürf­nis, Musik in seinem eige­nen Land zu kom­ponieren, während er sich wegen der Zen­surbeschränkun­gen unter der total­en Schreck­en­sh­errschaft schöpferisch nicht frei ent­fal­ten kon­nte“, begrün­det der est­nis­che Diri­gent Paa­vo Järvi seinen Entschluss, Werke von Schostakow­itsch aufzuführen, die den ästhetis­chen Vor­gaben Stal­ins zwang­haft nachkom­men.
Im Lied von den Wäldern op. 81 von 1949, ein hym­nis­ch­er Lobge­sang auf Stal­ins Auf­forstung­spro­gramm, befrem­den die banale Teno­rarie Der kün­ftige Spazier­gang oder der im Stil der Massen­lieder gehal­tene Pio­nier­chor Die Stal­in­grad­er kom­men eben­so wie das hohle Pathos der Anfangs- und Schlussteile. Die Huldigungskan­tate brachte dem gemaßregel­ten Kom­pon­is­ten prompt den Stal­in-Preis erster Klasse ein. Selb­st in Fes­seln ver­mochte er immer­hin seine handw­erk­lichen Fähigkeit­en zu bewahren. Man denke nur an die kun­stvolle Fuge zu Beginn des Final­satzes „Ruhm“, deren Stro­phen­the­ma – auf einem 7/8-Metrum beruhend – rus­sis­ch­er Volksmusik nahekommt. Die zweite Kan­tate Über unser­er Heimat scheint die Sonne op. 90 (1952), gle­ich­falls der Zweck­dich­tung eines jun­gen Kar­ri­eris­ten abgerun­gen und dem 19. Kongress der KPdSU gewid­met, bedachte die Praw­da gle­ich­falls mit Lob. Ein­töniger und weniger umwelt­fre­undlich als Das Lied von den Wäldern, hat es diese Son­nenkan­tate allerd­ings noch schw­er­er, über ihren Anlass hin­aus zu strahlen.
Von poli­tis­chem Druck ent­lastet, atmet das Hauptwerk der CD – Die Hin­rich­tung des Ste­fan Rasin op. 119 von 1964 – Luft von anderem Plan­eten. Nach dem 10. Stre­ichquar­tett ent­standen, liegt dem vokal-instru­men­tal­en Poem für Bass, gemis­cht­en Chor und großes Orch­ester ein Frag­ment des Dichters Jew­geni Jew­tuschenko zugrunde. Hin­ter­grund ist die tragis­che Geschichte des leg­endären Donkosak­en-Führers, der sich den zaris­tis­chen Woi­woden gewalt­sam wider­set­zte. Das Gedicht schildert seine Hin­rich­tung 1671 auf dem Roten Platz.
Der Bass-Solist ist zugle­ich Erzäh­ler und die Stimme Rasins, während der Chor die wech­sel­nden Stel­lung­nah­men der Umste­hen­den drama­tisch bezeugt. Die orches­tralen Gesten erin­nern mehrfach an die Chorsym­phonie op. 113 (1962) auf das Gedicht Babi Jar von Jew­tuschenko (in der Schlucht bei Kiew wur­den 1941 33 000 Juden von deutschen Ein­satz­grup­pen ermordet). Die düstere, von Wild­heit und Zorn durch­furchte Kan­tate, die sich gegen die sow­jetis­che Dop­pel­moral richtete (Kri­tik an der zaris­tis­chen Willkür war löblich, Empörung gegen die Partei­dik­tatur unbot­mäßig), stieß beim Moskauer Pub­likum auf Begeis­terung, während sich um 1964 die Lib­er­al­isierungsphase ihrem Ende zuneigte.
Im Zeichen der neuen Unduld­samkeit Rus­s­lands, der Wiederver­her­rlichung Stal­ins und impe­ri­aler Macht­spiele scheint es an der Zeit, den Nachge­bore­nen ins Bewusst­sein zu rufen, was es heißt, als Kün­stler ein Dop­pelleben führen zu müssen. Paa­vo Järvi, der Est­nis­chen Nation­al­phil­har­monie und ihrem Konz­ertchor sei Dank für ihren Mut, Zwiespältiges aus dem Lebenswerk von Schostakow­itsch hör­bar zu machen.
Lutz Lesle