Stanisław Moniuszko

Cantatas Milda/Nijoła

Soloists, Podlasie Opera and Philharmonic Choir, Poznan Philharmonic Orchestra, Ltg. Łukasz Borowicz

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Dux 1640
erschienen in: das Orchester 07-08/2020 , Seite 66

Diese neue Dop­pel-CD ist ein erfreulich­er Nach­schlag zum 2019 gefeierten 200. Geburt­stag des bedeu­ten­den pol­nis­chen Kom­pon­is­ten Stanisław Moniuszko (1819–1872). Von 1839 bis 1858 lebte und arbeit­ete er in Vil­nius, der his­torischen und heuti­gen Haupt­stadt Litauens, denn die Kul­tur­sprache dort war damals nicht Litauisch, son­dern Pol­nisch. In Vil­nius schuf Moniuszko nicht nur eine erste Fas­sung sein­er pol­nis­chen Nation­alop­er Hal­ka, son­dern auch seine bei­den Kan­tat­en Mil­da (1848) und Nijoła (1852). Moniuszko fand die Gat­tung der Kan­tate der­jeni­gen der Oper über­legen, denn sie biete mehr poet­is­che Frei­heit („man ist wed­er in der Länge der Zeit gebun­den, noch im Wech­sel des Ortes und der Zahl der Per­so­n­en“) und man sei dabei nicht von den Leuten hin­ter der Bühne abhängig.
Mil­da, die ihr Schöpfer für seine beste Kom­po­si­tion hielt, war das erste Werk der Musikgeschichte, in dem die alte hei­d­nis­che litauis­che Mytholo­gie ver­wen­det wurde, wenn auch noch in pol­nis­ch­er Sprache (eine eigen­ständi­ge litauis­che Kun­st­musik ent­stand erst gegen Ende des 19. Jahrhun­derts). Die Texte schrieb Moniuszko selb­st mit Hil­fe von Edward Chłopic­ki nach dem sein­erzeit sehr bekan­nten Epos Witolorau­da von Józef Igna­cy Kraszews­ki. Die Liebesgöt­tin Mil­da ist die Tochter des Don­ner­gottes Perkun. Als die Göt­tin der Mor­gen­röte ent­deckt, dass Mil­da von dem Sterblichen Romo­js ver­führt wurde, ver­flucht der Göt­ter­vater bei­de. Nijoła erzählt dann die Vorgeschichte zu Mil­da: Ange­lockt von den Vandines (Wassernymphen), steigt die Sterbliche Nijoła (laut Moniuszko „die litauis­che Perse­phone“) in den Fluss Rossa, um die Blume der Glück­seligkeit zu pflück­en, mit der sie die Sor­gen ihrer königlichen Mut­ter Kru­mine beruhi­gen möchte. Dort erwartet Nijoła aber der in sie ver­liebte Unter­welt­gott Pok­lus, der sie in die Tiefe zieht. Zeit­gle­ich mit Richard Wag­n­er, aber unab­hängig von diesem, wandte sich Moniuszko der Mytholo­gie zu und ver­wis­chte weit­er den Unter­schied zwis­chen Rez­i­ta­tiv und Arie. Außer­dem teilte er die solis­tis­chen Gesangspar­tien auf in Erzäh­ler (Mez­zoso­pran und Tenor in Mil­da, Bari­ton in Nijoła) und han­del­nde Per­so­n­en, wobei alle auch lyrische Anteile haben. Nach anderthalb Jahrhun­derten als „Lexikon-Leichen“ wer­den die bei­den vorzüglichen Werke mit diesen Erstein­spielun­gen endlich wieder zum Leben erweckt. Der Diri­gent Łukasz Borow­icz meint im Bei­heft (das lei­der nur auf Pol­nisch mit ein­er etwas hol­pri­gen englis­chen Über­set­zung ver­fasst ist), man habe sich dabei um tex­tkri­tis­che und auf­führung­sprak­tis­che Genauigkeit bemüht, ohne dies näher auszuführen. Jeden­falls kommt die diskrete Roman­tik dieser Musik sehr schön herüber, auch in den klar leuch­t­en­den Orch­ester­far­ben.
Ingo Hod­dick