Sergei Prokofiev

Cantata for the 20th Anniversary of the October Revolution

Ernst Senff Chor Berlin, Staats- kapelle Weimar, Mitglieder des Luftwaffenmusikkorps Erfurt, Ltg. Kirill Karabits

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Audite
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 73

Sergej Prokof­jews Kan­tate zur Okto­ber­rev­o­lu­tion op. 74 the­ma­tisiert kun­stvoll und span­nend Texte vom Kom­mu­nis­tis­chen Man­i­fest (1848) bis zur sow­jetis­chen Ver­fas­sung (1936). Damit wird die 100-jährige Rev­o­lu­tion­s­geschichte in wahrhaft pack­ender Weise sicht­bar. Der Kom­pon­ist ver­wen­det in sein­er robusten Kan­tate einen harten und rauen Stil. Davon zeugt auch die ungewöhn­liche Beset­zung mit Akko­rdeons und Schla­gin­stru­menten, deren Stac­ca­to-Attack­en unter die Haut gehen. Geräuschin­stru­mente wie Kanonen­schüsse, Alar­m­glock­en, Maschi­nengewehre und Sire­nenge­heul schaf­fen hier einen aufwüh­len­den Klangkos­mos, den der ful­mi­nante Ernst Senff Chor Berlin, die dif­feren­ziert musizierende Staatskapelle Weimar und Mit­glieder des Luft­waf­fen­musikko­rps Erfurt unter der erup­tiv­en Leitung von Kir­ill Kara­bits sehr trans­par­ent und mitreißend inter­pretieren.
Bei der sow­jetis­chen Führung kam dieser futur­is­tis­che Stil nicht gut an. Die Vertreter des Komi­tees für Kun­stan­gele­gen­heit­en waren vom Klang der Reden Lenins in Verbindung mit Prokof­jews Musik irri­tiert. Prokof­jew wollte übri­gens auch die Effek­te von Gefecht­en in abwech­slungsre­ich­er Weise ver­to­nen, was bei dieser Auf­nahme vom Kun­st­fest Weimar 2017 auch überzeu­gend zu Gehör kommt. Die reizvolle Sprung­haftigkeit der Har­monik macht sich bei dieser fieber­haft-elek­trisieren­den Inter­pre­ta­tion eben­falls in feuriger Weise bemerk­bar. Dynamis­che Prozesse zeich­net Kir­ill Kara­bits mit dem Ensem­ble in ein­drucksvoller Weise nach. Die Rev­o­lu­tion­s­geschichte und die Geschichte der Sow­je­tu­nion nehmen dadurch erre­gende Gestalt an.
Melodisch ist dieses selt­same Werk aber auch inter­es­sant. Es herrscht eine unim­pres­sion­is­tis­che, ger­adezu gläserne Kon­turen­schärfe vor. Der rus­sis­che Ton wird oft­mals nur wenig ver­hüllt. Stür­mis­ch­er Schwung und dynamis­che Vehe­menz set­zen sich in den gewaltig ausufer­n­den Chorsätzen klar durch. Lei­den­schaftlich gejagte Tem­pi schaf­fen ganz bewusst Klangge­gen­sätze.
Gele­gentlich merkt man der Kom­po­si­tion an, dass sie immer wieder über­ar­beit­et wurde: Die Zen­sur übte auf Prokof­jew einen immensen Druck aus. Und eben­so wird deut­lich, wie zer­ris­sen Prokof­jew als Kün­stler war, der immer wieder zwis­chen der kün­st­lerischen Frei­heit eines Welt­bürg­ers und dem krassen sozial­is­tis­chen Real­is­mus eines Sow­jet­bürg­ers schwank­te. Diri­gent Kir­ill Kara­bits betont diese Gegen­sätze mit greller Präzi­sion. Die Kan­tate ist Prokof­jews tragisch-verzweifel­ter Ver­such, sich einem grausamen Regime anzu­passen. Gele­gentlich blitzen sog­ar Assozi­a­tio­nen zu Prokof­jews Film­musiken (Alexan­der Newskij, Iwan der Gestrenge) auf. Die Kühn­heit der Sprache verbindet sich mit ein­er inten­siv­en Melodik. Expres­siv­en Ton­fall und klar über­schaubare For­men macht vor allem der Ernst Senff Chor Berlin in pack­ender Weise deut­lich. Die Ton­qual­ität ist gut, doch gele­gentlich kön­nte die räum­liche Dynamik noch deut­lich­er zu Gehör kom­men.
Alexan­der Walther