Camille Saint-Saëns

Sonate für Violoncello und Klavier D-Dur

Erstausgabe, Urtext, hg. von Denis Herlin

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel
erschienen in: das Orchester 02/2018 , Seite 62

„Ich bin nicht wie Mozart, der seine Konz­erte auf Reisen in einem Wagen kom­ponierte“, bemerkt der fast achtzigjährige Camille Saint-Saëns 1913 in einem Brief an seinen Ver­leger und erbit­tet Zeit zur Vol­len­dung ein­er Cel­losonate. Der greise Meis­ter, ein­er der pro­duk­tivsten Kom­pon­is­ten sein­er Epoche, scheint mit dem Werk gehadert zu haben. Monate später schreibt er, wiederum an den Ver­leger Durand, er habe die Sonate bei­seite gelegt, sei aber zuver­sichtlich, sie zu gutem Ende brin­gen zu kön­nen. Schließlich habe seine Quelle, die seit 60 Jahren sprudele, „das Recht, nicht mehr ganz so ergiebig zu sein“.
Das hier erst­mals veröf­fentlichte Werk ver­dankt seine Entste­hung dem Cel­lis­ten Pierre Destombes. Entzückt von dessen Vor­trag der Romance aus sein­er zweit­en Cel­losonate beab­sichtigte Saint-Saëns, Destombes und dessen Frau, der Pianistin Jeanne Car­ruette, die neue Sonate zu dedi­zieren. Als „ver­gle­ich­sweise leicht­es Duo“ schätzte der Kom­pon­ist sie ein, „kein Schw­ergewicht wie die zweite, die zwar eines mein­er Glanzstücke ist, aber vie­len Leuten doch Angst ein­jagt“.
Saint-Saëns’ dritte Cel­losonate ist unvol­len­det. Der Kopf­satz, ein mehr als 500 Tak­te umfassender Sonaten­satz, liegt voll­ständig vor. Einem frisch und klar for­mulierten, ein wenig her­risch auftre­tenden D-Dur-Haupt­the­ma ste­ht ein lyrisches G-Dur-Seit­en­the­ma gegenüber, das im Nach­gang sogle­ich eine motivis­che Verknüp­fung mit dem Haupt­the­ma aufweist. Nach ela­bori­ert­er Durch­führung und Reprise mün­det der Satz unmit­tel­bar in das anschließende E-Dur-Andante. Dieses begin­nt mit einem in Horn­quin­ten auf­steigen­den The­ma in berück­en­dem Qua­si-Natur­ton.
Der Charak­ter des Satzes lässt sich mit dem Begriff Delikatesse tre­f­fend beschreiben: Per­lende Läufe im Klavierdiskant, Pizzi­catopas­sagen des Cel­los und nicht zulet­zt ein orig­inelles Seit­en­the­ma im 7/8-Takt prä­gen das Bild. Die the­ma-tis­che Dis­po­si­tion deutet auf eine weiträu­mige Anlage hin, doch nach 82 Tak­ten bricht das Manuskript unver­mit­telt ab.
Hin­sichtlich der tech­nis­chen Anforderun­gen kann man der Beurteilung, es han­dle sich um ein „leicht­es Duo“, weit­ge­hend zus­tim­men: Der Cel­lopart erre­icht zwar einzelne Spitzen­töne in der zweigestrich­enen Oktave, doch allerorten herrscht Kantabil­ität. Wed­er Sechzehn­tel­pas­sagen noch ver­track­te Dop­pel­griffe „stören“ den Gesang. Auch der Klavier­part erfordert keine hyper­tro­phe Vir­tu­osität.
Große Zweifel sind ange­bracht an der Argu­men­ta­tion des Her­aus­ge­bers, Saint-Saëns habe das Werk dur­chaus vol­len­det und es sei 1919 durch den Cel­lis­ten Joseph Holl­man in dieser Ver­sion uraufge­führt wor­den. Den zitierten Brief des Kom­pon­is­ten vom 26. Juni 1919 an Pierre Agué­tant scheint Denis Her­lin schlicht falsch ver­standen zu haben. Es bleibt: ein Tor­so, der gle­ich­wohl den alter­sweisen Saint-Saëns at his best zeigt. Spiel­ern mit Inter­esse für die Nis­chen und Winkel des Reper­toires sei das Werk unbe­d­ingt ans Herz gelegt.
Ger­hard Anders