Schnack, Gerd

Burnout — Prüfungsstress — Lampenfieber

Gesundheitsrituale für Musiker

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bosse, Kassel 2015
erschienen in: das Orchester 11/2015 , Seite 70

Musik ist für viele Men­schen eine wichtige Quelle für Erhol­ung, Freude, Inspi­ra­tion und Begeg­nung. Dass diejeni­gen, die die Musik zum Klin­gen brin­gen, einen hochanstren­gen­den Beruf haben, ist Hör­ern nicht unbe­d­ingt immer präsent. Dabei ist die kör­per­liche und psy­chis­che Beanspruchung von Profimusik­ern dur­chaus der­jeni­gen von Leis­tungss­portlern ver­gle­ich­bar. Allerd­ings mit dem Unter­schied, dass nur wenige Aus­nahme­s­portler (je nach Sportart) noch jen­seits der 40 pro­fes­sionell aktiv sind. Und wenn die Profiath­leten ganz gezielt Leis­tungskur­ven hin zu inter­na­tionalen Wet­tkämpfen auf­bauen, so sind im Gegen­satz dazu diejeni­gen, die im Ram­p­en­licht ein­er Bühne ste­hen, Abend für Abend ange­hal­ten, ihre per­sön­liche Bestleis­tung zu präsen­tieren.
Der Ham­burg­er Chirurg Gerd Schnack set­zte mit seinem 1994 erschiene­nen Band Entspan­nt Musizieren wichtige Impulse für die Gesun­der­hal­tung von Beruf­s­musik­ern. Im Titel seines neuesten Buchs Burnout – Prü­fungsstress – Lam­p­en­fieber fokussiert er nun wichtige Belas­tungsszenar­ien im Musik­er­all­t­ag. Fundiert erläutert Schnack die Auswirkun­gen ver­schieden­er Stress­fak­toren, die auch vor Beruf­s­musik­ern nicht Halt machen. Ken­nt­nis­re­ich weist er auf die Diskrepanz hin, dass ger­ade Orch­ester­musik­er auf der einen Seite durch stun­den­langes Still­sitzen sta­tisch sehr beansprucht sind, während gle­ichzeit­ig kleine und kle­in­ste Muskel­grup­pen hoch­dy­namisch gefordert wer­den, ganz zu schweigen von der enor­men psy­chis­chen Anspan­nung in einem Beruf­sum­feld, das gravierende Fehler nur schw­er verzei­ht.
Das Lösungsange­bot, das der Autor seinen Lesern vorstellt, umfasst zum einen ganz prak­tis­che phys­io­ther­a­peutis­che Inter­ven­tio­nen, aber auch neu­ro­phys­i­ol­o­gis­che Stim­u­la­tion­stech­niken mit dem Ziel, die Aktiv­ität des Vagus­nervs zu steigern, der der Gegen­spiel­er des Sym­pa­thikus­nervs ist und bei Flucht- und Kampf­reak­tio­nen, im weit­eren Sinn also bei Stress­reak­tio­nen, aktiv ist. Schnack ist es dabei sehr wichtig, dass die vorgestell­ten Übun­gen leicht und schnell, ganz autonom ohne die Hil­fe Drit­ter umset­zbar sind. Das gelingt ihm durch ein­fache und klar ver­ständliche Anleitun­gen, zudem mit sehr instruk­tiv­en Illus­tra­tio­nen. Ziel ist es, die Übungsmuster soweit zu verin­ner­lichen, dass sie automa­tisch abruf­bar wer­den, dass sie Rit­u­alcharak­ter erhal­ten.
Sein­er präven­tiv­en Grund­hal­tung treu, ver­tritt der Autor ein ganzheitlich aus­gerichtetes Medi­zinkonzept. Mit großem Engage­ment erläutert er plau­si­bel, wie kör­per­liche Reize mit veg­e­ta­tiv­en und psy­chis­chen Prozessen inter­agieren. Ob aber die hier emp­foh­lene Vagusstim­u­la­tion das „uralte Geheim­nis der Med­i­ta­tion lüftet“ und ob wir damit die „wirk­sam­ste Waffe im Kampf gegen Burnout“ zur Ver­fü­gung haben, möchte ich eher als Hypothese ver­standen wis­sen. Allein schon deswe­gen, weil Burnout nicht immer nur die The­matik des Einzel­nen ist, son­dern sich im Rah­men von Insti­tu­tio­nen ereignet, und weil die meis­ten Men­schen mit langer Med­i­ta­tion­sprax­is den Begriff des Kampfs in acht­samkeits­basierten Kon­tex­ten wohl eher als Wider­spruch ein­stufen wür­den.
Peer Abil­gaard