Hinrichsen, Hans-Joachim (Hg.)

Bruckner-Handbuch

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Metzler/Bärenreiter, Stuttgart/Kassel 2010
erschienen in: das Orchester 03/2011 , Seite 60

„Das Hand­buch als das umfassend­ste und aktuell­ste Kom­pendi­um zu Leben, Werk und Rezep­tion Bruck­n­ers will den Zugang zu diesem schwieri­gen Kom­pon­is­ten erle­ichtern“, so heißt es im Klap­pen­text dieser Neuer­schei­n­ung. Darin find­en sich Artikel zu Bruck­n­ers Leben, Lehrtätigkeit, musikalis­ch­er Genese, Beziehung zur Orgel, Arbeitsweise, zur Rezep­tion sein­er Werke und natür­lich zu seinen Sin­fonien und sein­er geistlichen und weltlichen Vokal‑, Kirchen‑, Kammer‑, Bläs­er- und Tas­ten­musik.
Sämtliche Autoren beweisen in den im All­ge­meinen gut gegliederten Tex­ten beein­druck­ende Detailken­nt­nisse – wobei es allerd­ings nur weni­gen gelingt, diese so zu for­mulieren, dass man den im Vor­wort proklamierten „Anspruch auf durchgängig gute Les­barkeit“ als erfüllt anse­hen kön­nte. Sich­er, dies ist ein Nach­schlagew­erk – das aber doch (Zitat Vor­wort!) die Vorzüge der über­sichtlichen Gliederung eines solchen mit „den Vorteilen eines ver­ständlichen und flüs­sig geschriebe­nen Lese­buchs zu vere­inen“ bestrebt ist. Lei­der bezeigt das Gros der Ver­fass­er jedoch eine aus­ge­sproch­ene Nei­gung, seine Erken­nt­nisse in geschraubter Wis­senschaftssprache unters Volk zu brin­gen – ange­fan­gen von der Wahl der (Fremd-) Worte und syn­tak­tis­chen Kon­struk­tio­nen bis hin zu Unarten wie dem pen­e­tran­ten Gebrauch von ein­fachen Anführungsze­ichen.
Inhaltlich überzeugt das Buch durch die bre­ite Herange­hensweise an Leben und Werk, durch die gründliche Einord­nung Bruck­n­ers in den gesellschaftlichen und musikhis­torischen Kon­text sein­er Zeit wie auch durch die aus­führlichen Werk­analy­sen. Ander­er­seits wirft die Lek­türe aber auch viele Fra­gen auf. So ver­wun­dert es etwas, dass immer wieder von der großen, sym­phonisch beset­zten Kirchen­musik die Rede ist als Bruck­n­ers Haupt­gat­tung neben der Sin­fonie; dabei über­wiegt fak­tisch die klein beset­zte! Dann fragt man sich, warum im Kapi­tel über Bruck­n­er-Schüler nicht mit einem Wort Gus­tav Mahlers gedacht wird – der doch sowohl des Meis­ters Vor­lesun­gen lauschte als auch an dessen fre­und­schaftlichen Tre­f­fen mit seinen Schülern teil­nahm. Oder es schreibt der eine Autor, es sei vol­lkom­men unbekan­nt, ob und über welche lit­er­arischen Inter­essen Bruck­n­er ver­fügte, aber er habe eine „erstaunliche For­mulierungs­gabe“ besessen, während ein ander­er kon­sta­tiert, Bruck­n­er habe wed­er lit­er­arische Inter­essen noch Bil­dung besessen, ein drit­ter gar von „Illit­er­ar­ität“ spricht. Was nun? Und auch, wenn in der Ein­leitung der Ein­fluss der Orgel in Bruck­n­ers Werk auf „wenige Stellen“ der „frühen Orch­ester­w­erke“ beschränkt wird, im Kapi­tel über seine Musik im All­ge­meinen jedoch von „grund­sät­zlichen Ein­flüssen der Orgel­musik“ in den Sin­fonien die Rede ist, wird deut­lich, wie ambiva­lent das dargestellte Wis­sen dann doch zu sein scheint. Alles Kleinigkeit­en, gut – aber erste­ht man ein solch­es Hand­buch nicht ger­ade auch, um solche Kleinigkeit­en zu klären? So ist dieses Buch vor allem inter­es­sant für den, der sich tiefer­ge­hend und ohne vorherige Par­ti­turstu­di­en mit Bruck­n­ers Werk befassen möchte, nicht für den Bruck­n­er-Fach­mann oder aber den Laien, der sich dem Men­schen Anton Bruck­n­er annäh­ern möchte.
Andrea Braun