Kremer, Gidon

Briefe an eine junge Pianistin

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Braumüller, Wien 2013
erschienen in: das Orchester 03/2014 , Seite 67

Bere­its in seinen Pub­lika­tio­nen Obertöne (1997) und Zwis­chen Wel­ten (2003) erweist sich der Geiger Gidon Kre­mer als aufmerk­samer Beobachter, der sich selb­st in Rela­tion zum gegen­wär­ti­gen Musik­leben betra­chtet und dabei auch sein Ver­hält­nis zu den von ihm geschätzten Kün­stlern – Inter­pre­ten wie Kom­pon­is­ten – ein­schließt. In sein­er jüng­sten Pub­lika­tion geht er einen Schritt weit­er, indem er einen sezieren­den und kri­tis­chen Blick auf den heuti­gen Kul­turbe­trieb und dessen Funk­tion­s­mech­a­nis­men wirft. Dies geschieht aus dreier­lei Per­spek­tiv­en: Im Zen­trum ste­hen die zehn Briefe an eine junge Pianistin, die sich, wie der Klap­pen­text ver­rät, dem Gespräch mit „ein­er jun­gen, hochtal­en­tierten Pianistin nach einem Konz­ert“ ver­danken und mit Blick auf die Ver­mark­tung von Inter­pre­ten um „die Integrität der Kun­st, die Ver­lock­un­gen der Kar­riere und die Gefahr des Ver­rates am eige­nen Tal­ent“ kreisen.
Im abschließen­den „Deka­log eines Inter­pre­ten“ ver­tieft und vari­iert Kre­mer dieses The­ma in Anlehnung an die zehn Gebote durch Bezug auf eine Rei­he weit­er­er, selb­st erlebter Beispiele. Zwis­chen diesen bei­den gewichti­gen Teilen find­et sich – als eine Art Inter­mez­zo – die satirische „Alb­traum­sym­phonie“ als fin­gierte Wer­beanzeige eines Orch­esters, das nurmehr schlechte Leis­tun­gen möglichst unbe­gabter Musik­er in den Mit­telpunkt stellt und damit nach der „Ära der Per­fek­tion“ bei seinen Abon­nen­ten große Erfolge feiert. Die in allen Tex­ten spür­bare Kri­tik an ein­er mit Per­fek­tion­swahn gepaarten Lust an der Ober­fläche wird dort am schärf­sten, wo Kre­mer Belege für die Absur­dität (un)künstlerischen Han­delns anführt, so beispiel­sweise im Hin­blick auf die Allianz von Musik­ern und Poli­tik­ern oder in Bezug auf die Prax­is ein­er unge­nan­nten jun­gen Kol­le­gin (die man als aufmerk­samer Beobachter der Szene freilich iden­ti­fizieren kann), die sich ihre Inter­pre­ta­tio­nen anhand von CDs zusam­men­su­cht.
Bei der Lek­türe kristallisiert sich rasch die Darstel­lung eines ide­alen Gegen­bilds zu solchen Erschei­n­un­gen her­aus: näm­lich jenes des unbestech­lichen und aufrecht­en Kün­stlers, der sich nicht den Zwän­gen und Ver­lock­un­gen der Ver­mark­tung beugt. Kre­mer ist ganz dem Ethos eines Kun­stver­ständ­niss­es verpflichtet, das den Inter­pre­ten als Ver­mit­tler von Werten sieht – eine Tätigkeit, die an die indi­vidu­elle und eigen­ver­ant­wortliche Auseinan­der­set­zung mit überzeitlich gülti­gen Werken gebun­den ist. Auch wenn man diese Mei­n­ung nicht unbe­d­ingt teilen mag, bleiben Kre­mers Aus­führun­gen in viel­er­lei Hin­sicht scharf­sin­nig und ver­lan­gen Respekt ab. Dies hängt nicht nur damit zusam­men, dass der Geiger aus einem reich­halti­gen Fun­dus eigen­er Erfahrun­gen schöpft, son­dern auch damit, wie er seit gut einein­halb Jahrzehn­ten einen großen Teil sein­er eige­nen Kar­riere gestal­tet – lebt er doch in den seit 1997 gemein­sam mit der Kre­mer­a­ta Balti­ca prak­tizierten Konz­ert­for­men eine kri­tis­che Hal­tung gegenüber dem Wahnsinn ein­er auf die Ver­mark­tung von Per­so­n­en fix­ierten Inter­pre­tenkar­riere vor.
Ste­fan Drees