Thomas Frenzel (Hg.)

Breitkopf & Härtel

300 Jahre europäische Musik- und Kulturgeschichte

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 58

Bre­itkopf & Här­tel war und ist mehr als ein Musikver­leger. Anders als zum Beispiel das ital­ienis­che Haus Ricor­di, dessen Alle­in­stel­lungsmerk­mal die ital­ienis­che Oper des lan­gen 19. Jahrhun­derts war, umfassten die Abteilun­gen von Bre­itkopf & Här­tel viel mehr als Noten­stich und Musikedi­tion, mit denen man das Unternehmen heute vor allem verbindet.
Ver­lagsleit­er Nick Pfef­fer­ko­rn und Sebas­t­ian Mohr, Vor­stand der Bre­itkopf & Här­tel-Stiftung, ermöglicht­en zum Jubiläum eine wis­senschaftlichen Ansprüchen genü­gende Antholo­gie. Der „Über­griff“ auf die Kul­turgeschichte erfol­gt mit vollem Recht. Neben dem Ver­lagswe­sen ver­trieb die Fir­ma Klaviere und stieg Anfang des 19. Jahrhun­dert selb­st in die Pro­duk­tion ein.
Bre­itkopf & Här­tel war Kun­stver­leger und Her­aus­ge­ber z.B. des Map­pen­werks Kriegergestal­ten und Todes­ge­wal­ten des Karl-May-Illus­tra­tors Sascha Schnei­der. Erstaus­gaben von zwei der erfol­gre­ich­sten Longseller der deutschen Bel­letris­tik, Richard von Volk­mann-Lean­ders Kun­st­märchen-Antholo­gie Träumereien an franzö­sis­chen Kami­nen und Felix Dahns his­torisch­er Roman Ein Kampf um Rom, gehörten neben Gesam­taus­gaben sowie doku­men­tieren­den Peri­odi­ka und Urtext-Aus­gaben zum Ver­lagspro­gramm.
Die Zusam­me­nar­beit mit Kom­pon­is­ten seit Johann Sebas­t­ian Bach bein­hal­tete inten­sive Kon­tak­te und Fre­und­schaften, die über den Leipziger Kreis hin­aus­re­ichen und in diesem Band beson­ders gewürdigt wer­den.
Thomas Fren­zel ist bei aller Infor­ma­tions-, Fak­ten- und Mate­ri­alfülle eine span­nende und, was bei ein­er der­ar­ti­gen Ereignis­dichte nicht ver­wun­dert, über­raschungsre­iche Kom­pi­la­tion gelun­gen. Artikel wie z.B. der­jenige von Chris­tine Blanken über die Beziehung zwis­chen der „Fam­i­lie Bach zu den Bre­itkopfs“ oder eine auf­schlussre­iche „Chronik der Jahre 1933 bis 1945“ wid­men sich Höhep­unk­ten und Schat­ten­seit­en der Ver­lags­geschichte. Sie wech­seln sich ab mit Zeit­doku­menten, die das sich wan­del­nde Image und Pro­fil spiegeln. Es geht um Stan­dorte und um die Philoso­phie des in kurz­er Zeit zur ersten Ver­lags­druck­erei im deutschen Sprachraum aufgestiege­nen Unternehmens, um Kün­stlerkon­tak­te und die durch den Ver­lag mit Werkaus­gaben betriebene Pro­mo­tion für Kom­pon­is­ten. Indi­rekt wird deut­lich, welch großen Ein­fluss Bre­itkopf & Här­tel auf die Entwick­lung des musikalis­chen Stan­dard­reper­toires und schöngeisti­gen Bil­dungskanons nehmen kon­nte.
Die einzige min­i­male Beein­träch­ti­gung des Vergnü­gens an dieser Ver­lags- und Kul­turgeschichte ist, dass viele Repro­duk­tio­nen des wertvollen Bild­ma­te­ri­als zwis­chen dem Funk­tion­sstamm­baum am Anfang und der Präsen­ta­tion des neuen Cor­po­rate Designs zu klein ger­at­en sind. Die fak­ten­re­iche Chronik doku­men­tiert auch die musikäs­thetis­che Entwick­lung in Ost und West während der deutsch-deutschen Teilung und die Zeit nach der Wiedervere­ini­gung mit der Zusam­men­führung der Sek­tio­nen in Wies­baden und Leipzig. Ein­mal mehr geht es um Goethe, dessen erster Ver­leger Bre­itkopf & Här­tel war.
Roland Dip­pel