Forner, Johannes

Brahms

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Faber & Faber, Leipzig 2007
erschienen in: das Orchester 02/2008 , Seite 59

Ursprünglich zum Jubiläum­s­jahr 1997 im Insel-Ver­lag erschienen, legt Johannes Forner seinen Brahms nun in ein­er leicht über­ar­beit­eten Fas­sung vor. Der Autor, ehe­ma­liger Chef­dra­maturg des Gewand­hau­sor­ch­esters und Pro­fes­sor an der Leipziger Hochschule für Musik und The­ater, ist (u. a. durch seine Pub­lika­tion Johannes Brahms in Leipzig von 1987) ein aus­gewiesen­er Brahms-Ken­ner und ver­ste­ht sein Buch als „Liebe­serk­lärung“ an den Kom­pon­is­ten. Es han­delt sich wed­er um eine Biografie noch um einen Werk­führer – vielmehr eine Mis­chung aus bei­den, fokussiert auf die Som­mer­aufen­thalte, in denen ein Großteil der Brahms’schen Werke ent­stand.
Dies mag zunächst alles andere als außergewöhn­lich klin­gen, denn viele Kom­pon­is­ten waren wegen ihrer Verpflich­tun­gen als Musik­er auf die Ferien­zeit im Som­mer angewiesen, und so manche Lokalitäten, wie etwa Mahlers Kom­ponier­häuschen in der Som­mer­frische Maiernigg, sind ger­adezu leg­endär gewor­den. Aber für Brahms, der nur für wenige Jahre Ämter über­nahm, die ihn an einen bes­timmten Ort ban­den, bedeuteten die Som­mer­aufen­thalte – je bekan­nter er wurde, desto stärk­er – die Möglichkeit, sich der Öffentlichkeit für ein paar Monate zu entziehen. Die land­schaftlich reizvollen Orte wählte er mit Vor­liebe so, dass er ungestört arbeit­en kon­nte, zugle­ich aber einige Fre­unde und Bekan­nte in sein­er Nähe hat­te, wenn er das Bedürf­nis nach Gesel­ligkeit ver­spürte.
Der Bogen der Som­mer­dom­izile, die Brahms zwis­chen 1861 und 1896 bezog, ist geografisch weit ges­pan­nt und umfasst ganz unter­schiedliche Land­schaft­stypen, die von der Meeresküste über das Rhein­tal bis zur Berg­welt der Alpen reichen. Deutsch­land ist im Nor­den mit Hamm bzw. Blanke­nese bei Ham­burg und Saßnitz auf Rügen, im Süden mit Wies­baden und Ziegel­hausen bei Hei­del­berg sowie mit Baden-Baden bzw. Lich­t­en­thal vertreten, die Schweiz mit Rüsch­likon bei Zürich sowie Hof­stet­ten bei Thun und Öster­re­ich schließlich mit Pörtschach, Preßbaum bei Wien, Mürz­zuschlag und Bad Ischl.
Das Buch wen­det sich in erster Lin­ie an Konz­ert­gänger und Musik­lieb­haber, set­zt aber doch gewisse Grund­ken­nt­nisse der Biografie und der wichtig­sten Werke voraus. Forner skizziert in jedem Kapi­tel die biografis­che Sit­u­a­tion sowie die Entste­hungs­geschichte der betr­e­f­fend­en Werke – Kom­po­si­tio­nen, die im jew­eili­gen Som­mer entwed­er neu ent­wor­fen oder aber zur Über­ar­beitung und Vol­len­dung mit­ge­bracht wur­den – und beschreibt deren Bedeu­tung und Eige­nart. Er weiß sehr anschaulich, sog­ar fes­sel­nd zu schreiben und stützt sich im Wesentlichen auf Kalbecks Biografie und die Erin­nerun­gen von Zeitgenossen. Die Werkbeschrei­bun­gen sind gele­gentlich allzu knapp aus­ge­fall­en (etwa bei den Choralvor­spie­len op. 122), einige Behaup­tun­gen sicher­lich auch anfecht­bar (find­et sich in den Vier ern­sten Gesän­gen wirk­lich keine Stelle des Trostes?), aber im Gegen­zug find­en sich immer wieder tre­f­fende und anre­gende Ver­gle­iche und Über­legun­gen (etwa die Erörterun­gen zum „Raumempfind­en“ in der 3. Sin­fonie). Ein Buch, das sein selb­st gesteck­tes Ziel – ein „Lebens­bild“ anhand ein­er „Folge von Bildern“ zu liefern (S. 12) – vol­lauf erfüllt.
Peter Jost