Brahms – Reinecke – Draeseke

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Avi-Music 8553263
erschienen in: das Orchester 03/2013 , Seite 75

Welch ein Glück für Brahms und die Nach­welt, dass der kun­stsin­nige “The­ater-Her­zog” Georg II. von Sach­sen-Meinin­gen den Diri­gen­ten Hans von Bülow nach Meinin­gen lock­te, um die Her­zogliche Hofkapelle auf Hochglanz zu brin­gen. Bülow lud Brahms ein, mit ihr sein im Som­mer 1881 ent­standenes 2. Klavierkonz­ert zu pro­bieren: Grund­stein ein­er frucht­baren Fre­und­schaft mit “den Meiningern”, deren Solok­lar­inet­tist Richard Mühlfeld – von Brahms scherzhaft “Fräulein Klar­inette” genan­nt – den Meis­ter zu ein­er späten Schaf­fens­blüte inspiri­erte.
Von Mozart wach geküsst, hat­ten Weber, Spohr und Schu­mann die Klar­inette zur Botschaf­terin des Musikalisch-Poet­is­chen erhoben, bevor sie zumin­d­est kam­mer­musikalisch ver­s­tummte. Die wun­der­bare neue Stimme, die Brahms ihr ver­lieh, ist fono­grafisch reich doku­men­tiert. Ein weißer Fleck hinge­gen ist die Klar­inet­ten­lit­er­atur “um Brahms herum”. Was Kil­ian Herold – nach fünf ergiebi­gen Jahren in der Deutschen Kam­mer­phil­har­monie Bre­men seit ver­gan­gener Spielzeit Solok­lar­inet­tist des SWR Sin­fonieorch­esters Baden-Baden und Freiburg – und seinen israelis­chen Klavier­part­ner Amir Katz auf den Gedanken brachte, das musikgeschichtliche Umfeld der Brahms-Sonat­en zu erforschen. Wobei sie auf zwei in zeitlich­er Nähe ent­standene Klar­inet­ten­werke stießen: höchst ansprechende Kam­mer­musik von Kom­pon­is­ten, mit denen Brahms auf gutem Fuße stand.
Anstatt wie üblich die erste sein­er bei­den Sonat­en op. 120 (1894) einzus­pie­len, entsch­ieden sie sich für die (sel­tener gespielte) zweite in Es-Dur. Auch wenn die kom­ponieren­den Zeitgenossen den Wiener Meis­ter, dem die Klar­inet­tis­ten zudem das wun­der­bare, im Som­mer 1891 in Bad Ischl ent­standene Werk­paar ver­danken (das eher asketis­che Trio op. 114 und das eingängigere Quin­tett op. 115), nicht vom Gipfel des Par­nass stürzen – der bedeu­tende Kom­pon­is­ten­mach­er und Gewand­hauskapellmeis­ter Carl Rei­necke, der das ver­voll­ständigte Deutsche Requiem in Leipzig erstauf­führte, und der Dres­den­er Kon­ser­va­to­ri­um­slehrer und abtrün­nige “Neudeutsche” Felix Drae­seke, den Brahms neb­st Bruck­n­er als sin­fonis­chen Rivalen ein­stufte: Sie nehmen den Hör­er auch heute noch für sich ein.
Jeden­falls wenn ein so fabel­haftes, lei­den­schaftlich musizieren­des Duo wie Katz und Herold sich ihrer annimmt; mithin “einen anderen Blick” auf Brahms’ Spätwerke gewin­nt und ver­mit­telt, wobei sich ein­mal mehr erweist, dass Meis­ter­w­erke nicht vom Him­mel fall­en. Vielmehr entwach­sen sie ein­er kul­turellen Humuss­chicht.
Drae­seke schrieb seine B‑Dur-Sonate 1887, also vor Brahms’ “Klar­inet­ten­jahren” 1891 und 1894. Und zwar für den Solok­lar­inet­tis­ten der Sem­per­op­er, während Carl Rei­necke sein 1901 gedruck­tes Opus 256 Intro­duzione ed Alle­gro appas­sion­a­to eben­falls dem Meininger Solis­ten Mühlfeld zudachte. Entsprechend vir­tu­os nutzt er dessen Spielfer­tigkeit und die Charak­ter­is­tik der Reg­is­ter­far­ben. Im Gegen­satz zur unortho­dox­en For­mge­bung und “entwick­el­nden” Vari­a­tion­stech­nik, die Brahms’ Es-Dur- Sonate aufweist, mutet Drae­sekes Klar­inet­ten­sonate eher klas­sizis­tisch an. In sein­er poet­is­chen Frei­heit, seinen Stim­mungss­chwankun­gen ver­weist Rei­neck­es Vor­tragsstück dage­gen auf Robert Schu­mann.
Lutz Lesle