Jon Lord

Boom of the Tingling Strings

for piano and orchestra, revised and edited by Paul Mann, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2014
erschienen in: das Orchester 09/2015 , Seite 73

Bemerkenswertes trug sich im Jahr 1969 in der Roy­al Albert Hall in Lon­don zu. Nichts weniger als „The best of both worlds“ fand sich zusam­men, wie es der Kom­men­ta­tor der BBC-Aufze­ich­nung des Konz­erts aus­drück­te. Rock­musik, vertreten durch Deep Pur­ple, und Sin­fonis­che Musik, vertreten durch das Roy­al Phil­har­mon­ic Orches­tra, wagten im Con­cer­to for Group and Orches­tra die Liai­son dan­gereuse. Jon Lord, Organ­ist der bere­its welt­berühmten Rock­band, hat­te die Gren­züber­schre­itung riskiert. In den darauf­fol­gen­den Jahren trieb er mit der Gem­i­ni-Suite und Sara­bande die Ver­mis­chung von Rock­id­iom und Klas­sik (und Barock) weit­er voran. So find­en sich etwa auf dem Stu­dioal­bum Beyond the notes neben Songs auch ein De pro­fundis (in dem das Bass­fun­da­ment des leg­endären Child in time auf­taucht) und das Tele­mann-Exper­i­ment.
Noch weit­er ins Feld der Klas­sik (im umfassenden Sinne) begab sich Lord, dessen Marken­ze­ichen als Rock­o­r­gan­ist auss­chweifende Soli auf der Ham­mon­dorgel waren, im 2002 ent­stande­nen Boom of the Tin­gling Strings für Klavier und Orch­ester. Hier verzichtet Lord ganz auf Rock­ingre­dien­zen, es gibt kein Schlagzeug, keine E-Gitarre, keinen E-Bass. Das Orch­ester ist vielmehr beset­zt wie zum Beispiel die Konz­erte von Prokof­jew, allerd­ings mit erhe­blich far­bigerem Schlag­w­erk.
Und auch kom­pos­i­torisch ist Lord nicht mehr am Rock inter­essiert. Wie Rav­el oder Gersh­win lässt er jet­zt jazz­ige und folk­loris­tis­che Ele­mente in eine sin­fonisch gear­beit­ete Musik ein­fließen. Dass Jon Lord kom­pos­i­torische Ambi­tio­nen hat, spürt man sofort im Beginn des ersten Satzes, einem Ada­gio. So, wie man hin­ter dun­stigem Mor­gen­nebel eine Land­schaft mehr ahnt als sieht, bleibt diese Musik auf reizvolle und fan­tasievolle Art im Unbes­timmten. Stre­icher­fig­uren huschen vor­bei, grundiert von Har­fen- und Pauken­tremoli neb­st hinge­tupften Celestak­län­gen. Raunend erhebt sich wenig später ein The­ma in den Stre­ich­ern, dessen vorthe­ma­tis­che Offen­heit sich auf jede Menge Vor­bilder in der Musikgeschichte der Spätro­man­tik berufen kann.
Die vier Sätze fol­gen ohne Pause aufeinan­der, sodass sich ins­ge­samt die Form ein­er Sin­fonis­chen Dich­tung mit Klavier ergibt. Auf das Ada­gio fol­gt ein leichteres „L’istesso tem­po“, das über weite Streck­en mit ein­er ver­schleiften Jaz­zfig­ur spielt; ein weit­eres Ada­gio, das ein­er Wan­derung durch eine See­len­land­schaft gle­icht; sowie ein quirliger Final­satz von opti­mistis­ch­er Grund­hal­tung. Der Klavier­part ver­langt vom Pianis­ten tech­nis­che Bril­lianz wie in Klavierkonz­erten eines Liszt oder Prokof­jew.
Der Titel (auf deutsch etwa „Im Brausen der rauschen­den Sait­en“) spielt auf das 1918 geschriebene Gedicht Piano von D. H. Lawrence an, der darin eine Kind­heit­serin­nerung verk­lärt. Daraus leit­et sich auch der bisweilen nos­tal­gis­che Ton der Musik her. Nun ist das Werk im Schott-Ver­lag als Stu­di­en­par­ti­tur erschienen, und der große Impro­visator Lord, gestor­ben 2012, hat endlich auch einen Platz im Pan­theon der gedruck­ten Musik gefun­den.
Math­ias Nofze