Hans Joachim Köhler/ Ralf C. Müller

Blickkontakte mit Robert Schumann

Begegnungen im heutigen Dresden

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Eudora
erschienen in: das Orchester 04/2019 , Seite 63

War es seine (und Clara Schu­manns) glück­lich­ste Zeit? Von En­de 1844 bis zum Som­mer 1850 lebte das Ehep­aar Schu­mann in Dres­den, jen­er ver­glichen mit Leipzig kon­ser­v­a­tiv gesin­nten Stadt, in der ein König resi­dierte und ander­er­seits, im Mai 1849, die bürg­er­liche Rev­o­lu­tion einen ihrer Kul­mi­na­tion­spunk­te fand.
Im Herb­st 1844 befand sich der man­isch depres­sive Kom­pon­ist in kri­tis­chem Zus­tand. Seine Frau notierte: „Robert schlief keine Nacht, seine Phan­tasie malte ihm die schreck­lich­sten Bilder aus, er gab sich gän­zlich auf.“ Nach­dem auch eine Harzreise keine Lin­derung gebracht hat­te, beschloss Clara – nicht nur eine der größten Pianistin­nen ihrer Zeit, son­dern eine Frau von staunen­erre­gen­der Entschlusskraft –, dass ein Tape­ten­wech­sel ins nahe Dres­den für sie, für ihn und für die stetig wach­sende Fam­i­lie die drin­gend nötige Aufhel­lung mit sich brin­gen würde. Und so geschah es: Robert begann wieder zu arbeit­en und kon­nte am 23. Dezem­ber in sein Haushalts­buch ein­tra­gen: „Faust [i.e. die Kom­po­si­tion der Faust-Sze­­nen] nach Kräften beendigt“. Wir, die wir Schu­manns Musik lieben, kön­nen ver­mut­lich kaum ermessen, welche Anstren­gung sich hin­ter den Worten „nach Kräften“ ver­birgt.
Auf höchst anschauliche Weise beleuchtet dieses Buch Schu­manns pro­duk­tive Dres­d­ner Zeit. Hans Joachim Köh­ler – Her­aus­ge­ber der Urtext-Edi­tion des Schu­mann’schen Klavierœu­vres und pro­fun­der Ken­ner von Werk und Vita – geht in seinem ein­fühlsamen Text die We­ge Schu­manns in Stadt und Umge­bung nach. Er schildert die allmäh­liche Gene­sung des Hyper­sen­si­blen, er berichtet von erfol­gre­ichen Urauf­führun­gen, allen voran der des Klavierkonz­erts am 4. Dezem­ber 1845.
Schu­mann, gele­gentlich als „Schweiger“ beschrieben, pflegte enge Kon­tak­te zu Musik­ern, bilden­den Kün­stlern und Intellek­tuellen, darunter Carl Gus­tav Carus, Wil­helmine Schröder-Devri­ent, Lud­wig Richter, nicht zulet­zt Richard Wag­n­er. Zur inneren Befriedung Schu­manns trug überdies seine Aussöh­nung mit seinem Schwiegervater bei.
Doch Köh­ler lenkt den Blick auch auf dun­kle Vorah­nun­gen: Fer­di­nand Hiller, ein enger Ver­trauter, ging 1847 als Musikdi­rek­tor nach Düs­sel­dorf, betra­chtete aber diese Stelle als Sprung­brett nach Köln und wollte sich für Schu­mann als Nach­fol­ger ver­wen­den. Hiller, so Köh­ler, „hätte wis­sen müssen, dass Schu­mann als Diri­gent eine solche Auf­gabe nur mit uner­hörtem Kraftaufwand bewälti­gen würde“. Und vielle­icht lässt sich, wie Köh­ler ver­mutet, eine tiefenpsy­chol­o­gis­che Lin­ie ziehen von Schu­manns Noti­zen über das Elbe­hochwass­er 1845 zu seinem fatal­en Sprung in den Rhein neun Jahre später?
Nach Blick­kon­tak­te mit Robert Schu­mann – Begeg­nun­gen im heuti­gen Leipzig (2014) sowie Robert Schu­mann auf den Spuren der Maler und Dichter – Bastei und Brock­en (2018) legt Köh­ler hier gemein­sam mit dem His­torik­er Ralf C. Müller bere­its den 3. Band ein­er Serie vor. Mit his­torischen und mod­er­nen Fotos reich aus­ges­tat­tet, zeigt das ein­drucksvolle, exquis­it gefer­tigte Buch nicht zulet­zt, welch tiefe Wun­den die Zeitläufte in die Stadt an der Elbe geschla­gen haben.
Ger­hard Anders