Frank Michael

Bläserquartett Nr. 1 op. 7

(1963) für Flöte, Oboe, Klarinette in A und Fagott, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Hubert Hoche-Musikverlag
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 68

Diese Aus­gabe kommt über­raschen­der­weise mit sehr sauber handgeschriebe­nen Noten daher. Das Quar­tett ent­stand 1963 in den ersten Semes­tern des Kom­po­si­tion­sstudi­ums Frank Michaels in Frank­furt. Michael, ehe­mals Flöten­lehrer an der Musikschule Müll­heim und Dozent für Kom­po­si­tion an ver­schiede­nen Musikhochschulen, nutzt in diesem vital­en Jugendw­erk fröh­lich die ganze Farb­palette der Beset­zung Flöte, Oboe, Klar­inette und Fagott.
Die Musik wirkt auch nach einem hal­ben Jahrhun­dert noch frisch. Sie ist Spiel­lit­er­atur vom Fein­sten, die allerd­ings nicht für Anfänger geeignet ist. Die Ton­sprache ist dur­chaus im 20. Jahrhun­dert ver­ankert, aber unkon­ven­tionelle Spiel­tech­niken, tech­nis­che Bravour­pas­sagen oder rhyth­mis­che Gren­zgänge hat der damals erst 20-jährige Kom­pon­ist genau­so ver­mieden wie har­monis­che Exper­i­mente außer­halb der kon­ven­tionellen Tonal­itäten.
Ein Lamen­toso eröffnet kraftvoll mit Ganzen und Vierteln, verebbt aber bald schon ins Pianis­si­mo. Chro­ma­tisch schrauben sich Flöte und Oboe hin­auf ins näch­ste For­tis­si­mo, das aber­mals verebbt. Die Klar­inette sorgt anschließend mit Sechzehn­telket­ten für Bewe­gung, die Oboe set­zt Synkopen gegen die Achtelmelodik der Flöte, das Fagott liefert den sat­ten Bass. Später häufen sich die chro­ma­tis­chen Läufe zum sportlichen Getüm­mel. Etwas abrupt been­det Michael den Satz.
Das Bläserquar­tett weist die Form eines Ket­ten­ron­dos auf, denn jedem neuen Satz fol­gt ein Intermez­zo. Das Inter­mez­zo I, der zweite Satz des Quar­tetts, fol­gt im flot­ten Tem­po (120–140). Es umfasst nur 26 vitale Tak­te, wech­selt ständig zwis­chen 6/8- und 5/8-Takt, set­zt wieder auf die Kon­trast­wirkung von gebun­den­er Chro­matik zu Stac­ca­ti­achteln. Inter­mez­zo II fol­gt als viert­er Satz und ist dem ersten Inter­mez­zo ähn­lich, doch darf jet­zt die Oboe statt der Flöte begin­nen. Inter­mez­zo III fol­gt als sech­ster Satz, jet­zt vom Fagott begonnen. Auch als achter Satz liegt wieder ein Intermez­zo auf den Pul­ten, das kurze, markante Anfangs­the­ma nun in der Klar­inette – Michael vari­iert immer wieder ehrgeizig das Mate­r­i­al von Inter­mez­zo I. Der dritte Satz (Grotesco) ist ein springlebendi­ges Ding mit vie­len Vorschlä­gen und kurz einge­wor­fe­nen Achteln. Chro­ma­tis­che Läufe sind wieder zu find­en, gebun­dene Achtel­tri­olen in Oboen und Klar­inette gegen Achtel im Fagott ver­lei­hen dem Satz Würze – nicht unbe­d­ingt die orig­inell­sten Kniffe, aber dur­chaus reizvoll. Das Ende kommt tur­bu­lent und bunt daher.
Der fün­fte Satz, Tran­qui­lo, ver­wen­det kleine Melodik­bausteine, die teils übere­inan­der gelegt wer­den. Chro­ma­tis­che Läufe und Ein­würfe gehören wieder dazu, noch ist die Werkzeugk­iste des damals jun­gen Kom­po­si­tion­sstu­den­ten über­schaubar bestückt. Mit „Ener­gi­co“ geht es im siebten Satz weit­er. Achtel im Stac­ca­to und ein paar eher harm­lose Synkopen zeich­nen diesen Satz aus, doch set­zt Michael sie so bewusst und fein­maschig, dass das Spiel im Quar­tett viel Spaß machen wird. Mit „Sereno mal­in­con­i­co“ endet das Quar­tett – bunt bewegt und unter­halt­sam. Dieses Quar­tett ist gelebte Kam­mer­musik, die sich­er Fre­unde und Auf­führun­gen find­en wird.
Heike Eick­hoff