Black Composers Series 1974–1978

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 06/2019 , Seite 65

Zurück in die 1970er. Damals schien es so, als sei der Ras­sis­mus in der amerikanis­chen Gesellschaft zurückge­drängt. Eine Phase des „black pride“ begin­nt, in der Nachkom­men der Sklaven voll Stolz auf die kul­turellen Leis­tun­gen ihrer Vor­fahren ver­weisen. In dieser Atmo­sphäre startete der Diri­gent Paul Free­man 1974 die Konz­ertrei­he „Black Com­posers“. Part­ner waren unter anderem das Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra, das Detroit Sym­pho­ny Orches­tra und das Helsin­ki Phil­har­mon­ic Orches­tra. Die Plat­ten­fir­ma Colum­bia nahm vierundzwanzig Werke von fün­fzehn Kom­pon­is­ten für eine neun Langspielplat­ten umfassende Rei­he auf: ein Meilen­stein der Anerken­nung dunkel­häutiger Kom­pon­is­ten.
Doch schon in den 1990ern strich Colum­bia das Reper­toire aus dem Kat­a­log. Um es weit­er zugänglich zu machen, sprang 2001/02 das Detroit Sym­pho­ny Orches­tra mit ein­er LP- und CD-Edi­tion in die Bresche. Seit Jan­u­ar 2019 ist wieder eine Colum­bia-Aus­gabe erhältlich. Pos­i­tiv: Die 6 Stun­den und 42 Minuten dauern­den Auf­nah­men sind klan­glich gut über­ar­beit­et und kosten zwis­chen 25 und 30 Euro. Neg­a­tiv: Das Book­let bietet nur wenige Infor­ma­tio­nen. Zudem sind die Texte auf den minia­tur­isierten LP-Cov­ern selb­st mit Lupe nur schw­er zu lesen. Das ist lieb­los.
Die zwei Jahrhun­derte umspan­nende Auswahl umfasst vor allem Werke in der europäisch-amerikanis­chen Orch­ester­tra­di­tion. Sie begin­nt mit der Sym­phonie No. 1 (1779) und der Sym­phonie Con­cer­tante für zwei Vio­li­nen und Orch­ester (1778) von Joseph Bologne, Cheva­lier de Saint-Georges (1745–1799) – in bei­den ist der Ein­fluss Wolf­gang Amadeus Mozarts zu spüren. Wenig später brachte der brasil­ian­is­che Priester und Kom­pon­ist José Mau­rí­cio Nunes Gar­cia (1767–1830) eine Requiem Mass (1817) her­aus – ein üppiges, frühro­man­tis­ches Chor­w­erk.
Der Rest ist mod­ern­er. Der Amerikan­er William Grant Still (1895–1978) ist unter anderem mit sein­er Afro-Amer­i­can Sym­pho­ny (1930) und dem Bal­lett Sahd­ji (1930) vertreten: erstere ein Opus mit Anklän­gen an George Gersh­win, let­zteres eine Par­al­lele zu Igor Straw­in­skys Le sacre du print­emps mit afrikanis­chen Motiv­en. Daneben gibt es noch in der African Suite des Nige­ri­an­ers Fela Sowande (1905–1987) und Adol­phus Hail­storks (*1941) Cel­e­bra­tion folk­loris­tis­che Bezüge. Ander­er­seits find­en sich bei Thomas Jef­fer­son Ander­son (*1928) Bezüge zur atonalen Musik, und Olly Woodrow Wil­son (1937–2018) inte­gri­ert in Akwan (1972–1974) Elek­tron­ik ins neutöner­ische Geschehen.
Und Poli­tik? Die bleibt weit­ge­hend außen vor. Einzig Ulysses Kays (1917–1985) „Sym­phon­ic Essay“ Mark­ings (1966) greift Tage­spoli­tis­ches auf. In diesem aufwüh­len­den Werk zum Tod des UN-Gen­er­alsekretärs Dag Ham­marskjöld deuten Geigen­sir­ren und per­ma­nentes Rumoren die Gefahr an, in der Ham­marskjöld 1961 bei sein­er Friedens­mis­sion im Kon­go schwebte, bevor sein Flugzeug abstürzte oder abgeschossen wurde. Selb­st die Sehn­sucht nach Frei­heit und einem Ende des Ras­sis­mus wird nur in den Tex­ten der als Zugabe zur Box beige­fügten zehn­ten Disc mit Spir­i­tu­als zitiert.
Wern­er Stiefele