Mussorskij, Modest / Maurice Ravel

Bilder einer Ausstellung

für Orchester, hg. von Jean-François Monnard, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2014
erschienen in: das Orchester 11/2014 , Seite 65

> Nur sel­ten war eine musikalis­che inter­na­tionale Allianz so frucht­bar wie die zwis­chen Rus­s­land und Frankre­ich zu Beginn des 20. Jahrhun­derts, zu ein­er Zeit also, als sich Poli­tik und Wirtschaft bemüßigt fühlten, den Kon­ti­nent in Schutt und Asche zu leg­en. Die Rezep­tion des Boris Godunow durch Debussy und Rav­el sollte Mus­sorgskij zu einem Heroen der Musikgeschichte machen. Dessen Werke, fast alle unvol­len­det und von Retuschen ander­er Kom­pon­is­ten geze­ich­net, sind vom Nim­bus der Rar­ität umgeben, nicht nur auf­grund des ver­gle­ich­sweise schmalen Œuvres, son­dern auch auf­grund ihres äußerst indi­vidu­ellen Charak­ters, wofür Bilder ein­er Ausstel­lung, der Klavierzyk­lus von 1874 zum Andenken des Malers Vic­tor Hart­mann, ger­adezu exem­plar­isch ein­ste­ht. Dies gilt für die orig­inelle Ton­sprache, aber auch für das ganze Konzept, den Weg durch eine Ausstel­lung zu ver­to­nen und nicht nur einzelne Bilder.
Kandin­skys Ein­rich­tung als kon­struk­tivis­tisch-bewegliche Büh­nenkom­po­si­tion von 1928 hat dieser Ein­ma­ligkeit Aus­druck ver­liehen. Schon vor ihm, 1922, hat­te Rav­el seine Orchestrierung vorgelegt. Die war allerd­ings nicht die erste. Schon Michael Tuschmalow, ein Schüler Rim­skij-Kor­sakows, hat­te eine Orch­ester­fas­sung 1891 erstellt, und eben­so zu nen­nen ist das Unternehmen Hen­ry Woods, der 1915 eine Ver­sion mit beträchtlichem Erfolg veröf­fentlichte. Ein Ver­gle­ich zwis­chen Wood und
Rav­el ist höchst auf­schlussre­ich: Die ganze Raf­fi­nesse bei gle­ichzeit­iger Zurück­hal­tung, die, wie es im Revi­sions­bericht am Ende der vor­liegen­den Par­ti­tur beschrieben wird, auf „max­i­male Klarheit und Trans­parenz der Stimm­führung“ abzielt, wird bei Rav­el ersichtlich. Aber es ist auch eine
beson­dere Art klan­glich-kon­struk­tiv­er Intel­li­genz, die Rav­els Arbeit ausze­ich­net und nicht umson­st neben die Instru­men­ta­tion­slehre von Berlioz gestellt wurde. So etwa die Ver­wen­dung zweier Har­fen am Ende des „Tors von Kiew“, die rät­sel­haft erscheint, weil Rav­el son­st nur eine Harfe zum Ein­satz bringt. Ein beson­der­er Kun­st­griff ist die Zuweisung der Melodie in „Il vec­chio castel­lo“ auf das Sax­o­fon, Kreation ein­er magis­chen Atmo­sphäre.
Dieses Aus­nah­meereig­nis der Musikgeschichte erscheint in der Edi­tion von Bre­itkopf & Här­tel angemessen wiedergegeben. Eine detail­lierte Recherche ging der Aus­gabe voraus, die neben den zwei ver­schiede­nen Quellen der Orch­ester­fas­sung auch die Abwe­ichun­gen zu den ver­schiede­nen Klavier­fas­sun­gen Mus­sorgski­js berück­sichtigte. Der sehr auf­schlussre­iche Ein­führung­s­text gibt reich­haltig Auskun­ft über die Entste­hung des Werks, den musikgeschichtlichen Kon­text und lässt auch das orig­i­nale Klavier­w­erk sowie die Sit­u­a­tion Mus­sorgski­js im Zusam­men­hang mit dem „mächti­gen Häu­flein“ in Rus­s­land angemessen zu Wort kom­men. Ein beson­deres Apperçu des Revi­sions­berichts ist die Erwäh­nung der Tem­poangaben der unter­schiedlichen Aus­gaben und Inter­pre­ta­tio­nen, u.a. von Rim­skij-Kor­sakows Par­ti­tur und Kous­se­vit­skys Ein­spielung.
Stef­fen A. Schmidt