Schumann, Robert

Bilder aus Osten

op. 66 für Klaviertrio bearbeitet von Rudolph Palme (1834-1909), hg. von Joachim Draheim und Roland Heuer, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ikuro, Stuttgart 2016
erschienen in: das Orchester 02/2017 , Seite 62

Die „Fam­i­lien-Soiréen“, die der Bear­beit­er Rudolph Palme bei sein­er Klavier­trio-Fas­sung von Robert Schu­manns – eigentlich für Klavier zu vier Hän­den geschriebe­nen – Bildern aus Osten im Sinn hat­te, dürften heute lei­der sel­ten gewor­den sein. Gle­ich­wohl gibt es ger­ade im Bere­ich des Klavier­trios zwar viele großar­tige und groß­for­matige Konz­er­twerke, aber nur wenige kleinere, leichtere Werke von kom­pos­i­torischem Rang, die man etwa ein­er Nach­wuchs-For­ma­tion empfehlen kön­nte. Immer­hin hat Schu­mann selb­st mit seinen vier Fan­tasi­estück­en op. 88 ein her­vor­ra­gen­des Beispiel für dieses Genre geliefert; insofern darf die jet­zt im Ikuro-Ver­lag neu aufgelegte Bear­beitung von Opus 66 als wertvolle Ergänzung in diese Rich­tung gel­ten.
Ver­gle­icht man die bei Kist­ner in Leipzig bere­its sorgfältig edierte, inzwis­chen ver­grif­f­ene Orig­i­nalaus­gabe mit der Ikuro-Edi­tion, so zeigt sich, dass beim Neusatz die Seit­enein­teilung in der Klavier­par­ti­tur mit ein­er kleinen Aus­nahme völ­lig iden­tisch geblieben ist. Lediglich bei den Stre­ich­er­stim­men wurde etwas anders aufgeteilt, dur­chaus im Sinn von Lese- und Blät­ter­fre­undlichkeit. Gele­gentliche Ergänzun­gen von Dynamik und Bögen sind eben­falls als Verbesserun­gen in der Neuaus­gabe anzuse­hen.
Die Bilder aus Osten reflek­tieren Schu­manns für 1848 belegte Lek­türe der Makâ­men von Friedrich Rück­ert (1788–1866), Erzäh­lun­gen, die der Dichter und Ori­en­tal­ist 1826 bzw. 1837 den ara­bis­chen Tex­ten des Hariri aus Bas­ra (1054–1122) nachge­bildet hat. Abu Seid, der Held des Buchs, ist eine eulen­spiege­lar­tige Fig­ur. Er beschließt nach zahlre­ichen Aben­teuern, wie Schu­mann sel­ber über sein Final­stück schreibt, sein lustiges
Leben „in Reue und Buße“. Wenn man weiß, dass Schu­mann auch Gedichte aus Goethes West-Östlichem Divan ver­tont hat, und zudem sein Ora­to­ri­um Das Paradies und die Peri berück­sichtigt, so ste­ht Opus 66 somit in ein­er weitläu­fi­gen, von Schu­mann bewusst aufgenomme­nen Tra­di­tion west­lich­er Auseinan­der­set­zung mit ara­bis­ch­er und per­sis­ch­er, immer auch islamisch geprägter Lit­er­atur im 19. Jahrhun­dert.
Auf­fäl­lig ist in Schu­manns vier­händi­gem Orig­i­nal die auss­chließliche Ver­wen­dung der „dunklen“b‑Tonarten wie b‑Moll, Des-Dur und f‑Moll. Hier hat der seit 1864 als Organ­ist in Magde­burg wirk­ende Rudolph Palme (1834–1909) „stre­icher­fre­undlich“ einge­grif­f­en und alle sechs Stücke um einen Halbton nach oben bzw. nach unten transponiert. Anson­sten hält sich seine Fas­sung eng an den Schumann’schen Orig­inal­text, mit allen gebote­nen Abwand­lun­gen, die eine Über­tra­gung in ein stre­icherbes­timmtes Kam­mer­musik­for­mat nahelegt.
Der Karslruher Schu­mann-Forsch­er Joachim Dra­heim gibt in der Neuaus­gabe einen gewohnt kom­pe­ten­ten Überblick über Entste­hungs­geschichte und kul­turelles Umfeld des Orig­i­nals wie der Bear­beitung.
Rain­er Klaas