Gunar Letzbor

Betrachtungen vom Podium herab

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dohr
erschienen in: das Orchester 02/2020 , Seite 59

Gunar Let­zbors Betra­ch­tun­gen vom Podi­um herab sind eine lek­to­ri­erte und für die Buchveröf­fentlichung bear­beit­ete Samm­lung von CD-Tex­ten. Der Vir­tu­ose auf der Barock­vi­o­line kann auf eine wahrlich große Liste von Ein­spielun­gen zurück­blick­en, die sich vor allem mit öster­re­ichis­ch­er Barock­musik befassen. Sin­niger­weise gab er seinem Ensem­ble „Ars anti­qua aus­tria“ den para­dox­en Unter­ti­tel „Ensem­ble für neue Barock­musik“. Mit „neu“ meint er, dass diese Musik noch nie von den Men­schen unser­er Zeit gehört wurde.
In seinen Betra­ch­tun­gen kommt er zu Erken­nt­nis­sen, die ziem­lich kon­trär zum heuti­gen Konz­ert­be­trieb sind, der sich auf ein sich zumeist häu­fig wieder­holen­des Reper­toire konzen­tri­ert. Let­z­bor dage­gen will lieber „neue“ Musik spie­len, da es ihm um einen frischen Zugang und um Ent­deck­er­lust geht.
So wun­dert es nicht, dass er der etablierten Alte-Musik-Szene kri­tisch gegenüber­ste­ht. Wenn Diri­gen­ten, die sich in der his­torischen Auf­führung­sprax­is pro­fil­iert haben, mit kon­ven­tionellen Orch­esters spie­len, hält er das für frag­würdig. Auch ste­ht er der Aus­bil­dung an Musikhochschulen im Bere­ich Alte Musik skep­tisch gegenüber. Er will, dass die Musik­er die Musik selb­st ent­deck­en, dass sie sich nicht an ver­meintlich feste Regeln hal­ten, son­dern ihren eige­nen Zugang suchen in Ken­nt­nis der Quellen und der Geschichte.
Let­z­bor ist als forschen­der Musik­er eine Instanz für österreichi­sche Barock­musik. In seinem Buch gibt er zahlre­iche Ein­blicke, Anre­gun­gen und Hin­weise. Er zeigt dem Leser z. B. die Bedeu­tung wenig beachteter Kom­pon­is­ten wie Georg Muf­fat oder Car­lo Ambro­gio Lonati. Das Hab­s­burg­er Reich war, wie er dar­legt, schon „mul­ti­kul­turell“. Deshalb erforscht er die tra­di­tionelle Musik der Slowakei, Ungar­ns, Polens, Mährens und Spaniens und lässt die daraus gewonnenen Erfahrun­gen in das Spiel öster­re­ichis­ch­er Barock­musik ein­fließen.
Als Vio­lin­vir­tu­ose machte sich Let­z­bor durch seine Ein­spielung der Werke Bibers einen Namen. Ihm wid­met er ein ganzes Kapi­tel. Darüber hin­aus befasst er sich mit den Fra­gen zur Sko­r­datur, die für Biber sehr wichtig sind. Schließlich über­schre­it­et er die öster­re­ichis­che Gren­ze und arbeit­et sich aus der Per­spek­tive von Vio­lin­vir­tu­osen des Barocks, näm­lich von Biber, Johann Paul von West­hoff und Johann Joseph Vils­mayr an Bachs Solosonat­en her­an.
So gibt dieses Buch Geigern und Lieb­habern alter Musik viel­seit­ige Ein­blicke in die Musik des alten Öster­re­ichs und Impulse fürs Nach­denken und Disku­tieren. Das Buch endet nach­den­klich: Musik, schreibt Let­z­bor, wurde für die Hör­er damals, also des 17. oder 18. Jahrhun­derts, kom­poniert. Doch wird sie, wenn wir sie so wie damals spie­len, heutige Men­schen, die in einem ganz anderen kul­turellen Umfeld leben, erre­ichen? Darüber kön­nte man ein weit­eres Buch schreiben. Aber Let­zbors Betra­ch­tun­gen sind sehr lesenswert, auch da sie die zen­tralen Fra­gen nicht aus­lassen, Fra­gen, die wohl nie endgültig beant­wortet wer­den kön­nen.
Franzpeter Mess­mer