Mark Andre, Martin Matalon, Anthony Cheung u.a.

Beschenkt

40 Miniaturen zum Jubiläum. Ensemble Modern, Ltg. Ingo Metzmacher

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ensemble Modern Medien
erschienen in: das Orchester 06/2021 , Seite 73

Im Jahr 2020 kon­nte das Ensem­ble Mod­ern ein Dop­pelju­biläum feiern: 40 Jahre Ensem­ble Mod­ern und 20 Jahre Ensem­ble Mod­ern Medi­en. Was kann man einem solch einzi­gar­ti­gen Ensem­ble für Neue Musik zum Geburt­stag schenken, ohne den Gedanken ein­er bloßen Pflichtübung aufkom­men zu lassen? Muss man da das Schenken an sich prob­lema­tisieren, wie Der­ri­da es tat? Wie kann es gelin­gen, die Gabe als Moment im Hier und Jet­zt zu aktu­al­isieren, in dem Ver­gan­gen­heit und Zukun­ft sich berühren? Mir scheint, dem Ensem­ble Mod­ern ist hier etwas gelun­gen, was Wort und Sinn der Gabe vere­int: die im eige­nen Label zusam­menge­fassten musikalis­chen Minia­turen von 40 Kom­pon­is­ten, mit denen das Ensem­ble über die Jahre pro­duk­tiv ver­bun­den war.
Mark Andre, Mar­tin Mat­alon, Antho­ny Che­ung, Pas­cal Dusapin, Johannes Kalitzke, Heinz Hol­liger, Johannes Maria Staud, Mar­tin Grüt­ter, Brigit­ta Mun­ten­dorf, Michael Gor­don, Cathy Mil­liken, Georg Friedrich Haas, Hein­er Goebbels, Mark-Antho­ny Tur­nage, Man­fred Tro­jahn, Fred Frith, HK Gru­ber, Johannes Motschmann, Vladimir Tarnopol­s­ki, Vito Žuraj, Philippe Manoury, Anders Hill­borg, Sal­va­tore Scia­r­ri­no, Már­ton Illés, Ennio Mor­ri­cone, David Fen­nessy, Peter Eötvös, Hanspeter Kyburz, Georges Aperghis, Arnulf Her­rmann, Johannes Schöll­horn, Samir Odeh-Tami­mi, Saed Had­dad, Bri­an Fer­ney­hough, Chik­age Imai, Markus Hech­tle, Olga Neuwirth, Bern­hard Gan­der, Enno Poppe und George Ben­jamin grat­ulieren mit kleinen, eigens zu diesem Anlass ver­fassten Kom­po­si­tio­nen, die alle um das The­ma „Win­ter – Wei­h­nacht­en – Zer­e­monie (Geburt­stag)“ kreisen. Die kom­pos­i­torische Sprache und das ver­wen­dete Idiom von dif­feren­zierten Geräuschk­län­gen, pat­ternar­ti­gen Rep­e­ti­tio­nen, kantabler Melodik und met­allis­chen Klang­blöck­en, fil­igraner Klan­gauf­fächerung, (Weihnachts-)Liedbezügen sowie Anlei­hen aus Pop und Jazz in vari­ablen Beset­zun­gen von kam­mer­musikalis­chen bis orches­tralen Far­ben reflek­tieren das bre­ite Spek­trum der jew­eili­gen Per­son­al­stile: ein buntes Kalei­doskop ohne prä­ten­tiösen Anspruch auf Repräsen­tanz. Wer die 40 Minia­turen nacheinan­der anhört, wird in vie­len Fällen den­noch über­rascht sein über die Homogen­ität der Ton­sprache – bei aller Diver­sität der jew­eili­gen kom­pos­i­torischen Handschrift.
Das sorgfältig edi­tierte Book­let steuert über die Inter­pre­ten und Kom­pon­is­ten inter­es­sante, zuweilen aber auch belan­glose assozia­tive Gedanken­split­ter bei, und bezieht dabei Aus­sagen zum Ver­hält­nis der Musik­er zum Ensem­ble Mod­ern ein. Man muss sich die kurzen Infor­ma­tio­nen, die nicht der chro­nol­o­gis­chen Abfolge der Auf­nahme der Stücke fol­gen, ein wenig zusam­men­su­chen, erhält dann aber einen unter­halt­samen, die einzel­nen Autoren charak­ter­isieren­den Überblick über die jew­eili­gen Ansprüche und Sichtweisen. 40 Minia­turen quer durch die neue Musik­szene – eine wahrhaft gen­eröse Gabe als Aus­druck der Ver­bun­den­heit mit dem beschenk­ten Ensemble.
Wil­fried Gruhn