Peter Hagmann/Erich Singer

Bernard Haitink

„Dirigieren ist ein Rätsel“ – Gespräche und Essays

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter/Henschel
erschienen in: das Orchester 02/2020 , Seite 60

Mehr als sechs Jahrzehnte hat Bernard Haitink am Pult bedeu­ten­der Orch­ester ges­tanden, ohne nach Star­ruhm zu streben. Mit 90 Jahren nahm er im ver­gan­genen Sep­tem­ber seinen Abschied von der Konz­ert­bühne, was offiziell als „unbe­fris­tete Auszeit“ angekündigt wurde. Sein let­zter Auftritt mit den Wiener Phil­har­monikern beim Lucerne Fes­ti­val zeigte auf ein­drück­liche Weise, wie ein Diri­gent und ein ihm ver­trautes Orch­ester zu ein­er großen Ein­heit ver­schmelzen kön­nen.
In einem bei Bärenreiter/Henschel erschiene­nen Inter­view- und Essay­band ver­suchen die Schweiz­er Musikpub­lizis­ten Peter Hag­mann und Erich Singer dem Phänomen Haitink auf den Grund zu gehen. Fotos, teils aus Haitinks Pri­vatarchiv, run­den das Kün­stler­porträt ab. Erstaunlicher­weise ist dies die erste einge­hende Darstel­lung sein­er Vita in deutsch­er Sprache.
Zwei Essays befassen sich mit Haitinks Lauf­bahn und der ästhetis­chen Erfahrung des Dirigierens. Sie rah­men einen län­geren Inter­viewteil ein, der sich aus Gesprächen mit den Autoren zwis­chen 2007 und 2019 zusam­menset­zt.
Im Ein­leitungskapi­tel wid­met sich Singer detail­liert dem Werde­gang des 1929 in Ams­ter­dam gebore­nen Kün­stlers, der nach dem Vio­lin- und Dirigier­studi­um mit nur 27 Jahren Erster Diri­gent der Nieder­ländis­chen Radio-Phil­har­monie wurde. Nach dem Tod Eduard van Beinums wurde der Neul­ing 1961 gemein­sam mit Eugen Jochum an die Spitze des Con­cert­ge­bouw-Orch­esters berufen, das er ab 1964 als alleiniger Chefdiri­gent führte.
Haitinks rasch­er, wenn auch nicht von Kon­flik­ten freier Auf­stieg in der inter­na­tionalen Musik­welt wird zudem tabel­lar­isch doku­men­tiert. Nach seinen ersten Erfol­gen nahm er Leitungspo­si­tio­nen etwa beim Lon­don Phil­har­mon­ic Orches­tra, beim Glyn­de­bourne Fes­ti­val, am Roy­al Opera House Lon­don sowie in Boston und Chica­go ein. Eine beson­ders inten­sive Zusam­me­nar­beit ver­band ihn bis zum Schluss nicht nur mit den Wienern, son­dern auch mit dem Cham­ber Orches­tra of Europe, mit dem er in Luzern unter anderem zwei viel­beachtete Beethoven- und Brahms-Zyklen auf­führte.
Macht­ge­baren und ein autoritär­er Führungsstil wie der von Willem Men­gel­berg, seinem leg­endären Vor­gänger in Ams­ter­dam, sind Haitink seit jeher zuwider. Hag­mann und Singer präsen­tieren ihn als äußerst reflek­tierten Men­schen, der sich stets sein­er eige­nen Gren­zen bewusst ist. „Je älter man wird, desto mehr zweifelt man“, geste­ht er seinen Gesprächspart­nern. Aus­führlich beschreibt er seine tiefge­hende Auseinan­der­set­zung mit großen Kom­pon­is­ten wie Bruck­n­er und Mahler. Hag­mann greift diesen Faden in sei­ner abschließen­den Betra­ch­tung über den Diri­gen­ten Haitink wieder auf.
Dass mit Singer und Hag­mann zwei langjährige Haitink-Ken­ner gemein­sam am Werk sind, erweist sich hier allerd­ings nicht nur als Vorteil. So kommt es in den Essay- und Inter­viewteilen mehrfach zu län­geren Wieder­hol­un­gen, man ver­misst den großen verbinden­den Bogen. Der dur­chaus gehaltvolle Band eignet sich wohl ehesten zur punk­tuellen Lek­türe.
Cori­na Kolbe