Jost, Christian

Berlinsymphony / Lover-Skysong

Konzerthausorchester Berlin, Ltg. Iván Fischer/Deutsches Kammerorchester Berlin, Ltg. Christian Jost

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Neue meister 0300707NM
erschienen in: das Orchester 01/2017 , Seite 68

Bei der im März 2015 uraufge­führten Berlin­sym­pony des 53-jähri­gen Kom­pon­is­ten Chris­t­ian Jost geht es um urbane Topografie und Atmo­sphäre. Aber auch Berlin – Die Sin­fonie der Großs­tadt schwingt da mit – Titel jenes Films von Walther Ruttman von 1927, für den Edmund Meisel damals die Musik schrieb. Chris­t­ian Jost selb­st hat den Ort des Klang­bilds seines Werks fix­iert: Berlin, Torstraße, vier Uhr mor­gens. Musik also eines Orts met­ro­pol­i­tan­er Tur­bu­lenz, wie sie rund um den Rosen­thaler Platz tat­säch­lich herrscht: ein Pandä­mo­ni­um strö­mender und sich kreuzen­der Verkehrs­dy­namik. Vier Uhr – das wiederum ist der Zeitraum zwis­chen tief­ster Nacht und Mor­gen­grauen. Ein Indif­feren­zpunkt, an dem der Druck und die Leere, der Stress und die Entspan­nung aufeinan­der­stoßen.
Die Musik des vier­sätzi­gen, dreißig­minüti­gen Werks stellt ein pulsieren­des Raster aus ver­hak­ten Rep­e­ti­tio­nen in grundtöniger Klan­glegierung vor; Felder divers­er Dichte und Aus­drück­lichkeit – ein Klan­graum grif­figer, meist über­schaubar­er und dom­i­nan­ter Rhyth­mik in vol­lorches­tralem Habi­tus; mit fasslich­er, teils das Bom­bastis­che streifend­er Kraft. Denkt man ein­mal an Edgard Varès­es Amériques, dann bleibt hier alles ohne den desas­trösen oder grund­stürzen­den Schöp­fungsim­puls, der im frühen 20. Jahr­hundert den bruitis­tis­chen und futur­is­tis­chen Großs­tadt­mythos beflügelte. Bei Jost geht es eher um die Res­o­nanz urbaner Lebenswelt bezo­gen auf ein indi­vidu­elles Sen­so­ri­um, und so fol­gen dann auch weit­ge­zo­gene, gle­ich­sam lyrische Melodiebö­gen bis zu ein­er Druck­min­derung des Ganzen, die ruhige, solo-instru­men­tale, tonal fassliche Melo­di­en auf­tauchen lässt. Aus solch kon­tem­pla­tivem Rück­zug ent­fal­tet sich dann wieder jene zielbes­timmte Pul­sa­tion, wie über­haupt ein latent nervös­es Moment den diversen Dessins der Jost’schen Klang­sprache eigen ist.
Während Berlin­sym­pho­ny vom Konz­erthau­sor­ch­ester Berlin unter Iván Fis­ch­er sehr sou­verän und beweglich gespielt wird, hat bei Lover-Skysong der Kom­pon­ist selb­st dirigiert. Ein eben­falls 2015 ent­standenes, 23-minütiges Werk, das in der Tra­di­tion von Memen­to- und Trauer­musik ste­ht, sich aber sukzes­sive in impro­visatorisch anmu­ten­der Weise fig­u­ra­tiv-orna­men­tal belebt. Ein Gen­res kreuzen­des und Höhen­la­gen mis­chen­des Pro­dukt. Stel­len­weise wirkt es wie ein Med­ley divers­er Idiome und Gestal­tungs-Attitü­den, das kalei­doskopisch aller­lei Motivfloskeln verknüpft und zusam­men­fall­en lässt. Hier spielt das schön klin­gende Deutsche Kam­merorch­ester Berlin mit den dis­tin­guiert und luftig agieren­den Solis­ten Anni­ka Treut­ler (Klavier), Arnulf Ball­horn (Bass Gui­tar) und Josie Lin (Schlagzeug). Der Stre­ich­er­satz unter Josts Leitung wirkt dage­gen eher block­haft und dynamisch unmod­uliert.
Bern­hard Uske